Arm dran wären die Journalisten, gäbe es nicht selbstlose Gönner, die ihre Arbeit zu würdigen wissen

Journalisten schreiben sich die Finger wund. Sie hauen in die Tasten, bis der Schreibmaschinenmechaniker gerufen werden muß oder aus ihren Redaktionsbildschirmen Rauchsignale aufsteigen. Sie tun das, um die unersättlichen Leser daheim in den Ohrensesseln mit den unerläßlichen Informationen über das Weltgeschehen zu versorgen.

Solch eine gesellschaftlich wichtige Arbeit ist mit den knapp kalkulierten Löhnen, die die Verleger am Monatsende widerstrebend überweisen, nicht annähernd abgegolten. Deshalb gibt es die Journalistenpreise, die eine kleine Anerkennung außer der Reihe verheißen.

Wenn die Journalisten also selber mal daheim im Ohrensessel sich verschnaufen, meist erst spät in der Nacht, dann fassen ihre nervös noch zuckenden, vom Verschleiß bedrohten Finger nur allzugern nach der Fachlektüre mit den Ausschreibungsbedingungen. Da blättern sie in der feder, Monatsblatt der IG Medien, und überlegen, welchen am Tag erstellten Text sie wohl wo einreichen könnten.

Die Bundesarchitektenkammer ruft zum Wettbewerb „Architekten – Behausung – Umwelt 1989“, erster Preis: 10 000 Mark. Im ausgezeichneten Werk zum Ausdruck kommen soll „die Verantwortung des Architekten und sein Wirken im Spannungsfeld oft gegensätzlicher Strömungen“. Der Bibliotheksverband vergibt den Helmut-Sonntag-Preis „für publizistische Beiträge, die das Bibliothekswesen wirkungsvoll gefördert haben“, 5000 Mark. „Erwachsene und Spielen“ lautet das Motto, das die Binger „Unternehmensgruppe NSM/Löwen“ mit insgesamt 18 000 Mark prämieren will. Der Viag-Konzern ist „mit seinen Unternehmensbereichen Energie, Aluminium und Chemie“ besonders an „Europa 1992 – Veränderung der Energielandschaft?“ interessiert, erster Preis 20 000 Mark. Um die „Erlebniswelt Garten“ geht es der Industrievereinigung Gartenbedarf, beschrieben werden soll der Garten „als Ort sinnvoller Freizeitgestaltung in der modernen Industriegesellschaft“, 5000 Mark. Nur 3000 Mark, und das insgesamt, sind der blümgebeutelten Zahnärztekammer Hamburg Beiträge wert, „die sich insbesondere mit der Motivation von Kleinkindern im Kindergartenalter zur Zahnpflege und zahngesunden Ernährung auseinandersetzen“. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuß-Gaststätten wünscht sich für 20 000 Mark Artikel über „Frauen in der Arbeitswelt“ („Welche Möglichkeiten haben sie, sich für höhere Tätigkeiten zu qualifizieren?“) und gibt sogar einen guten Tip: „Übrigens: Die Gewerkschaft hat bereits mit mehreren Großunternehmen Frauenförderpläne vereinbart.“ Größere Anforderungen stellt die „Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft“ mit dem Thema „Badmodernisierung“: „Nicht die Darstellung einer gelungenen Renovierung beziehungsweise einzelner Maßnahmen“ werde bewertet, „sondern vielmehr das Engagement für das Thema Sanitär unter dem Gesichtspunkt qualitativer und ökologischer Aspekte“.

Die Journalisten springen aus ihren Ohrensessein: Das ist es! Gerade heute sind sie doch in Bremerhaven gewesen, um über die neue Aktion der Hallen- und Freibäder der Seestadt große Reportagen zu schreiben: Der Magistrat der Stadt hat nämlich beschlossen, daß alle Stammgäste der städtischen Bäder, die über 85 Jahre alt sind, künftig kostenlos baden dürfen. Die Idee war entstanden, als eine treue Schwimmerin kürzlich ihren 94. Geburtstag feierte. Das ist doch ein qualitativer Aspekt, und den ökologischen, den werden die Journalisten schon noch hineinfummeln, kein Problem: bei 10 000 Mark zum ersten, 6000 zum zweiten und 4000 zum dritten. Und auch die Leser werden ganz begeistert sein. Ulrich Stock