Die Klänge von Beethovens Ouvertüre zu Egmont, intoniert vom Polizeiorchester, erfüllen die Berliner Philharmonie. Für 974 junge Polizistinnen und Polizisten naht der feierliche Augenblick: An diesem 23. Mai, dem vierzigsten Jahrestag des Grundgesetzes, wird der Ausbildungsjahrgang 1989 auf die Verfassung vereidigt. Eltern, Geschwister, Freundinnen und Verlobte sind im Sonntagsstaat gekommen und verfolgen die Zeremonie von den oberen Rängen.

Polizeibeamter zu werden „ist ein mutiger, aber auch überzeugender Entschluß für unseren demokratischen Staat“, beglückwünscht der Berliner Polizeipräsident Georg Scherz die jungen Männer und Frauen. Die Jugendlichen, die in ihren frisch gebügelten, zu groß wirkenden Uniformen an Konfirmanden erinnern, sollen in Zukunft „Verantwortung dafür tragen, ob der Bürger den Staat als Gegner oder als Gemeinschaft empfindet, in die er selbst eingebunden ist“.

Auf der Bühne erscheint nun eine preußische Gardeuniform, dann marschiert ein Zylinder mit Dienstnummer, wie er von der Polizei nach der 48er Revolte getragen wurde, über die Bretter. Mit Ovationen wird die Pickelhaube begrüßt, ehe die Schupos mit steiler Schildmütze erscheinen: In einem Rollenspiel zeigen Polizeischulabsolventen ihren Kameraden den Wandel vom Treueschwur für den Fürsten zum Eid auf die Verfassung. Auch der Nationalsozialismus wird als dunkles Kapitel in der Geschichte der Polizei nicht ausgespart. Der Name des Gestapomannes Klaus Barbie fällt. Die Widerstandskämpfer des 20. Juli werden geehrt. Nur Bläser, Pauken, Pathos – oder demonstriert eine junge Generation ihr radikales demokratisches Selbstverständnis?

Nun tritt der Berliner Innensenator, Erich Pätzold, ans Rednerpult. Neue Unruhe kommt in die Reihen, ein deutliches Räuspern, hier und dort Husten. Hatte der Innensenator nicht jahrelang als innenpolitischer Sprecher der Opposition Übergriffe und Rechtsverletzungen der Polizei gegeißelt? Mit bohrenden Fragen war er im Abgeordnetenhaus über die Sondereinheit der Bereitschaftspolizei hergefallen, wenn sie es den Chaoten einmal gegezeigt hatte. Jetzt aber, als am 1. Mai die Polizisten unter dem Steinhagel der Kreuzberger Aufrührer zurückweichen mußten, amtierte Pätzold als ihr Dienstherr. Trägt er für die Niederlage die Schuld?

„Sie sind keine Polizei eines Obrigkeitsstaates mehr“, will er ihnen nun als Innensenator ins Dienstbuch diktieren. „Sie sind eine Bürgerpolizei und haben Raum zu geben für den geistigen Streit...“ Plötzlich scheinen Jungpolizisten von Hustenreiz geplagt. Die für ihre gute Akustik berühmte Philharmonie steigert die Hüstelei zu einem Hustenkonzert, das die Rede des Senators unterlegt. Die Aufforderung zu Toleranz, zu Differenzierungsvermögen und Augenmaß, zur Verwendung des Arguments als wichtigster Waffe, zur Wahrung des Demonstrationsrechts als der „Pressefreiheit des kleinen Mannes“: Pätzolds Appelle werden ausgehustet.

Man wartet, daß einer der Ausbilder aufstehen und zur Disziplin ermahnen werde. Doch die Beamten sitzen und schweigen. „Ich hoffe“, sagt der Senator, „Sie nicht verunsichert zu haben.“ Die meisten im Saal verstehen ihn nicht. „Unbegreiflich“ findet einer der Wachtmeister in spe nach der Veranstaltung einzig, „daß überhaupt noch Kollegen nach der Rede des rot-grünen Innensenators geklatscht“ hätten. So wie er denkt seine ganze Gruppe. Sie formiert sich in Reih und Glied und marschiert im Gleichschritt zu den Fahrzeugen ab.

Der Protest galt dem jüngsten Großeinsatz der Berliner Polizei: Wieder hatten am 1. Mai in Kreuzberg Barrikaden und Autos gebrannt, hatten Autonome, Punks und Red-Skins das Straßenpflaster über hilflos agierende Polzisten hageln lassen. Dabei wurden 304 Beamte verletzt, zumeist Prellungen durch die Steinwürfe. In den Augen der Jungbeamten trug der neue SPD-Innensenator die Schuld, weil er als Dienstherr der Polizei zur „De-Eskalation“ aufgerufen hatte.