Von Bartholomäus Grill

Hamburg, Ende Mai

Harry hat die Schnauze voll. Das Original von St. Pauli, weitum bekannt durch seinen "Hafenbazar", schließt den Laden ab. Die Riesenmuscheln, die er vor dem Fenster als Souvenirs feilbietet, sind nun mal keine Wurfgeschosse in der von der Bild-Zeitung angekündigten Schlacht um die Hafenstraße. "Mir reicht’s. Seit Jahren schon", knurrt er und geht.

Auf einer Freifläche neben den umstrittenen Häusern soll eine wild gewachsene Wohnwagenkolonie geräumt werden – per behördlicher Verfügung des Bezirksamtes Hamburg Mitte. "Aber es geht in Wirklichkeit nicht um die ‚Bauwagen-Kids‘, sondern um uns", sagt eine Bewohnerin der Häuser nebenan, die gerade beim freiwilligen Abtransport der-Objekte des Anstoßes mithilft. Das klingt eher resigniert. Kein Wunder: Bürgermeister Henning Voscherau galt nie als Freund des Wohnprojektes am Hafenrand. Zum ersten Mann der Hansestadt gewählt, will er es zügig beenden.

"Es ist genug", sprach der Sozialdemokrat und setzte alle Hebel in Bewegung, um den von seinem Vorgänger Klaus von Dohnanyi mit den ehemaligen Besetzern ausgehandelten Pachtvertrag zu kündigen. Als im April militante Bewohner Sicherheitskräfte mit Steinen und halben Gehwegplatten beworfen und dabei elf Polizisten verletzt hatten, war das Maß voll. Voscherau setzte kurzerhand einen neuen Vertragspartner auf Seiten der Stadt ein – der alte hatte sich geweigert, Abmahnungen auszusprechen.

Fortan fungierte die Verwaltungsgesellschaft Hafenrand e.V. als Verpächterin; deren Geschäftsführer Wolfgang Dierksen sprach schon ein paar Tage nach dem Besitzwechsel die Kündigung jenes Kontraktes aus, der am Buß- und Bettag 1987 als "Wunder von Hamburg" gefeiert worden war.

Erst einmal aber ging es nur um die Wohnwagen-Kolonie. Ihr Rechtsvertreter Jens Waßmann wedelte verärgert mit dem Beschluß des Oberverwaltungsgerichtes Hamburg. Er hatte noch spät nachts seine Beschwerde gegen die Räumung abgewiesen. Um zwölf Uhr mittags lief das Ultimatum zur Entfernung der bunt bemalten Wohnmobile und Baubuden ab. Schon eine Stunde vorher tummelten sich aufgeregt schnatternde Touristenscharen auf der Elbuferpromenade. Die Nachbarn hatten in der Bernhard-Nocht-Straße ihre Logenplätze auf den Fensterbrettern eingenommen, die Fernsehleute ihre Kameras plaziert. Polizeihubschrauber knatterten über der Freilichtbühne, das Schauspiel konnte beginnen. Erster Akt: Warten auf die Staatsmacht.