Weiterhin wäre mit der COGEMA-Lösung der Anspruch der Bundesrepublik Deutschland nicht mehr länger aufrechtzuhalten, auf hohe internationale Sicherheitsmaßstäbe auch für Anlagen des Kernbrennstoffkreislaufs hinzuwirken.

Mit der Abgabe der Wiederaufbereitung und zumindest eines Teils der MOX-BE-Fabrikation an Frankreich gäbe die Bundesrepublik die Kerntechnik zu wesentlichen Teilen auf. Außer auf den Betrieb der verbliebenen Kernkraftwerke, etwaige Exportaufträge und Serviceleistungen könnte nur noch auf eigene Anreicherungskapazität (wie lange noch?) verwiesen werden.

Industrieseitig wird die deutsche kerntechnische Entwicklung entscheidend von Siemens getragen. Eine Einstellung des Baus der WAW, an dem allein bei Siemens über 700 Ingenieure beteiligt sind, und die Vergabe von MOX-BE-Fertigungsaufträgen nach Frankreich könnte das Unternehmen vor schwerwiegende Entscheidungen stellen.

Auf der anderen Seite würde Frankreich auch hier – wie zum Beispiel schon bei Weltraum, Luftfahrt und Kommunikationstechnik – die europäische Führung im Bereich besonders (prestige- und) zukunftsträchtiger Hochtechnologien übernehmen, zu denen die OECD die Kernenergie zählt (Rang 5).

Der BMFT hat schon seit Mitte der siebziger Jahre den Kernenergiedialog mit der Öffentlichkeit geführt und dabei immer wieder erfahren, daß neben der kerntechnischen Sicherheit die technologie- und energiepolitische Glaubwürdigkeit der Bundesregierung eine Grundvoraussetzung für die Akzeptanz der friedlichen Nutzung der Kernenergie ist. Dies erfordert ein konsequentes Durchhalten eines in sich geschlossenen Konzepts.

Zu diesem Konzept gehörte bisher stets, daß die Entsorgung der LWR über Wiederaufarbeitung im eigenen Land sichergestellt werden muß (so auch der Entsorgungsbericht 1988). Ein Abgehen hiervon wäre der Öffentlichkeit kaum zu vermitteln: dies um so weniger, als sich gegenüber der Situation früherer Jahre nichts Wesentliches geändert hat. (Die Wiederaufbereitung in Frankreich wurde schon von zehn Jahren diskutiert – u.a. von Niedersachsen angeregt – und aus noch heute gültigen Gründen verworfen, und die Akzeptanz- und Durchsetzungsschwierigkeiten für eine deutsche WAA waren schon damals erkennbar.) Ein enormer Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsverlust für die Technologie- und Energiepolitik der Bundesregierung wäre somit bei der COGEMA-Lösung kaum zu vermeiden, und es fragt sich, wie dann noch andere Kernenergieprojekte, die in öffentlicher Kritik stehen, durchgesetzt werden könnten. Das gilt vor allem für den Betrieb des SNR 300, für den sich die Bundesregierung auch aus industriepolitischen Gründen (Realisierbarkeit großtechnischer Anlagen in der Bundesrepublik) engagiert und den die öffentliche kritische Diskussion in (übertrieben) engem Zusammenhang mit der WAW sieht. Auch ist zu befürchten, daß sich dies auf die Errichtung der Endlager Konrad und Gorleben nachteilig auswirkt.

Eine Aufgabe des Baus der WAA in Wackersdorf wäre nach erster BMFT-Einschätzung nur dann vertretbar, wenn man nunmehr auch bei der Schließung des LWR-Brennstoffkreislaufs – wie bereits bei der Brüterentwicklung und der Kernfusion – europäisch zusammengehen und damit eine neue integrationspolitische Dimension eröffnen würde, wie sie im EURATOM-Vertrag letztlich schon angelegt ist. Im Ergebnis hieße das: nur noch eine Wiederaufarbeitungsanlage (oder, wenn sich z.B. GB anschließt, zwei Anlagen) für den EURATOM-Bereich oder sogar ganz Westeuropa; dies jedoch nicht als französische (oder englische) nationale Anlage, an der sich Unternehmen aus anderen Ländern beteiligen, sondern als supranationale Anlage nach europäischem Recht unter Beteiligung von D, F, B, NL, E (und GB). Wackersdorf könnte dann als Standort für eine etwaige dritte Anlage im nächsten Jahrhundert vorbehalten werden. Zweifelhaft ist allerdings, ob Frankreich an einer solchen Entwicklung Interesse haben könnte, solange ihm die zwischen VEBA und COGEMA verhandelte Lösung erreichbar erscheint ...