Der Notizblock blieb weiß, das Wasserglas wurde nie benutzt, das Fähnchen mit der Zeder nicht verrückt: Beim Treffen der Arabischen Liga im Königspalast von Casablanca blieb der Platz des Libanon leer. Längst ist der Libanon ein Staat ohne Volk, zersplittert in feudale Clans und religiöse Cliquen, und Volkes Stimme nur noch Geschützdonner. Und doch füllte das entmündigte Land in seiner Agonie den Arbeitsplan der Liga und zwang sie, ihr Gipfeltreffen um zwei Tage zu verlängern. Da Abwesende immer unrecht haben, hatte der Libanon am Ende den letzten Schein von Souveränität verloren: Ein Staat stirbt.

In der Schlußresolution stand kein Wort von den arabischen Beobachtern, die den (nie eingehaltenen) Waffenstillstand zwischen Christen und Moslems überwachen sollten; kein Satz über die syrischen Truppen im Libanon, geschweige denn über ihren Abzug. Jordanien und Ägypten, nach zehnjähriger Quarantäne erstmals wieder am Tisch der Liga willkommen, hätten die kriegerischen Verhältnisse gern beim Namen genannt. Doch ausgerechnet Syriens Todfeind Irak trieb mit giftigen Attacken alle ins Lager des syrischen Präsidenten. Hafis el-Assad heißt der erste Sieger von Casablanca: Weht das Fähnchen mit der Zeder künftig auf syrischein Protektorat?

Den Israelis käme das eher gelegen. Sie schätzen die Syrer als unbequemen, aber berechenbaren Nachbarn – auf den Golanhöhen mustern sich beide mit dem Feldstecher, nicht mit dem Zielfernrohr. In Casablanca akzeptierten die arabischen Delegationen erstmals die UN-Sicherheitsresolutionen 242 und 338, die einen Abzug Israels aus den 1967 besetzten Gebieten fordern und „allen Staaten der Region“, also auch Israel, ihre Existenzrechte garantieren.

Die Jerusalemer Regierung dürfte dieser Gesinnungswandel eher mit Gleichgültigkeit, PLO-Führer Arafat hingegen mit tiefer Genugtuung erfüllen. Denn dem „Präsidenten des Staates Palästina“ stellte sich erstmals seit langem Syrien nicht mehr entgegen. Arafats Friedensplan – Wahlen nach Abzug der Israelis und unter internationaler Kontrolle – fand in der Liga jene Unterstützung, die Israels Premierminister Schamir mit seinem Plan zur selben Zeit in Washington, London und Paris versagt blieb. Jassir Arafat heißt der zweite Sieger von Casablanca: Flattert die Palästinenserfahne bald über dem Westjordanland?

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Mit jedem neuen Toten in den besetzten Gebieten gleichen diese Friedenspläne nur noch Gedankenspielen. Israel beharrt zu Recht auf seiner Sicherheit; die PLO träumt zu Recht vom eigenen Staat. Wie aber auf dem Westjordanland und auf dem Gazastreifen Sicherheit garantiert und Souveränität gegründet werden sollen, darüber wagen weder Schamir noch Arafat laut nachzudenken.

Das der Armee nahestehende Tel Aviver Zentrum für Strategische Studien hat es versucht, Israels ehemaliger Außenminister Abba Eban führte das Gedankenspiel der Strategen ein Stückchen weiter. Danach würden Westbank und Gaza zu palästinensischem Territorium und entmilitarisiert. Nach Benelux-Vorbild sollen sich Israel, Jordanien und Palästina, jeweils auf sich allein gestellt ökonomisch kaum lebensfähig, in einer Wirtschaftskonföderation zusammenschließen. Die palästinensische Neutralität müßte durch eine Allianz der mächtigen Nachbarn Israel, Jordanien und Ägypten garantiert werden.

Ein bewaffneter Friede mit Palästina als unbewaffnetem Juniorpartner – noch so eine Friedensidee? Vielleicht. Doch war in Casablanca weder von den israelischen Truppen im Libanon noch von der UN-Resolution 181 zur Teilung Palästinas die Rede. In der Vergangenheit fiel den arabischen Staaten nichts leichter, als eigenen Zwist mit antiisraelischen Tiraden zu übertönen. Am Ende könnte der dritte Sieger von Casablanca darum Israel heißen. Joachim Fritz-Vannahme