Bonn beschließt neue Öffnungszeiten für den Einzelhandel – niemand ist zufrieden.

Schon einmal war die christlich-liberale Bun- desregierung an einem Arbeitskampf nicht unbeteiligt: Als vor fünf Jahren die Tarifparteien in der Metall- und Druckindustrie im Streit um die Arbeitszeitverkürzung aneinandergerieten, ergriff Helmut Kohl so deutlich die Partei der Arbeitgeber, daß ihr Widerstand gegen die "dumme" und "törichte" Gewerkschaftsforderung erheblich gestärkt wurde. Zwar war der Streit für den Einstieg in die 35-Stunden-Woche offenbar unvermeidlich. Doch mit Fug und Recht läßt sich bezweifeln, ob er ohne des Kanzlers berühmt-berüchtigten Ausspruch in dieser Härte und Erbitterung geführt worden wäre.

Bedeutung und Dimension des Arbeitskampfes im Einzelhandel, der in diesen Tagen die Gemüter bewegt, sind mit dem Ausstand von 1984 natürlich nicht zu vergleichen. Doch die Aktionen von Verkäuferinnen und Verkäufern hätte mit Sicherheit ganz vermieden werden können, wenn die Politiker in Bonn ausnahmsweise einmal entschlossen und rechtzeitig gehandelt hätten.

Wäre das Ladenschlußgesetz, das diese Koalition mit dem Beginn ihrer Amtszeit auf die Tagesordnung setzte, mittlerweile vom Parlament verabschiedet, gäbe es für Kampfmaßnahmen im Einzelhandel keinen Anlaß. Über höhere Gehälter, kürzere Arbeitszeit, selbst über bessere Arbeitsbedingungen hätten sich die Kontrahenten’ wohl auch in diesem Jahr wie stets in der Vergangenheit in Verhandlungen verständigt.

Auch wenn das Gezerre um den vollmundig angekündigten Dienstleistungsabend nun endlich vorbei ist, mit dem Ergebnis kann keiner der Betroffenen zufrieden sein, weder Unternehmer noch Gewerkschaften oder Verbraucher: Vom 1. Oktober an können die Läden am Donnerstag bis 20.30 Uhr geöffnet bleiben, und der lange Samstag wird in den "hellen Monaten" – von April bis September – um zwei Stunden verkürzt.

Der Einzelhandel, der selbst nie ein Interesse an längeren Ladenöffnungszeiten hatte, ist verärgert, weil der umsatzstarke lange Samstag beschnitten wird. Immerhin halten sich noch zwanzig Prozent der Kunden zwischen 16.00 und 18.00 Uhr in den Geschäften auf. Als Skandal empfinden es die Händler zudem, daß Bonn sich nicht um die Probleme der vielen mitbestimmten Betriebe gekümmert hat. Dort ist das Arbeitszeitende bereits per Betriebsvereinbarung auf 18.30 Uhr fixiert.

Den Gewerkschaften kommt zwar entgegen, daß die Beschäftigten im Sommerhalbjahr am langen Sonnabend früher nach Hause können. An ihrer grundsätzlichen Ablehnung des Abendverkaufs ändert dies aber nichts. Der Verbraucher schließlich hat nur wenig gewonnen, wenn er einmal pro Woche durch einige Läden der Innenstädte bummeln kann. Denn von dem Dienstleistungsabend mit geöffneten Ämtern, Banken und Praxen kann beim besten Willen keine Rede sein.