Raten Sie mal“, sagt am Telephon mein Anwalt, „raten Sie mal, was ich hier habe.“ Das kann unmöglich mein Anwalt sein. Ein Muster an Distanz, an Sachlichkeit – und nun dies persönliche, ja private Weben in seiner Stimme. Ist es das Wetter? Die Midlife-crisis? Eine neue Liebe? Ein Urteil des BGH? Ich muß behutsam sein.

„Hallo“, kommt es aufgeräumt an mein Ohr, „sind Sie noch da?“ Wieder klingt Fröhlichkeit durch. Mein Anwalt, ich mag es kaum glauben, klingt locker. „Ja“, sage ich heiser, „ich bin noch da.“

„Dann raten Sie doch mal, was ich hier habe.“ Um Gottes willen, Herr Doktor Glöbel“, sage ich, „haben Sie das Bundesverdienstkreuz?“ „Nein“, sagt er enttäuscht, „kalt, ganz kalt. Es ist etwas Wichtiges.“

Nun bitte ich ihn dringend, mich zu informieren. Rasch. Schonungslos. Gründlich.

„Es ist“, sagt er, „eine Funkuhr.“ „Aha“, sage ich. Mein Anwalt ist sensibel. Wenn ein Mensch nicht weiß, was er sagen soll, dann spürt er das. „Also“, sagt er deshalb, „diese Funkuhr ist eine Errungenschaft der Raumfahrt. Dort brauchen Sie ja die absolut exakte Uhrzeit. Eine Firma aus Wuppertal hat nun dieses System in ihre Produktion aufgenommen. Über einen Funkturm in Frankfurt gibt sie die exakte Uhrzeit in die Uhren ihrer Kunden im Radius von tausend Kilometern ein. Ich muß bloß noch einmal im Jahr die Batterie auswechseln. In einer Million Jahren geht diese Uhr nur eine einzige Sekunde nach.“ Ich spüre, daß ich jetzt dran bin und sage: „In einer Million Jahren – das ist vorteilhaft für Ihre Kanzlei.“ „Mhm“, sagt mein Anwalt und schweigt zwei Sekunden lang.

Dann fährt er fort: „Wie Sie wissen, kommt es in Rechtsangelegenheiten ständig darauf an, daß Termine korrekt eingehalten werden. Ein Versäumnis kann fatale Folgen haben. Mir kann mit der Funkuhr in dieser Hinsicht nichts mehr passieren.“

„Wie haben Sie das denn bisher gemacht?“, frage ich. „Sie waren doch immer beispielhaft pünktlich.“ „Schon“, sagt mein Anwalt, „aber das war alles sehr umständlich. Ich hatte eben diese einfachen Terminkalender und die üblichen Uhren. Und man weiß ja, wie ungenau ...“ „Herr Doktor Glöbel“, sage ich, „raten Sie mal, was ich jetzt gerne tun würde.“ – „?“ – „Herr Doktor Glöbel, ich würde Sie gerne umarmen.“