Von Roland Kirbach

Mülheim/Ruhr

Das Amtsgerichtsgebäude von Mülheim an der Ruhr ist ein monumentaler Kasten, erbaut "unter der ruhmreichen Regierung S.M. des Kaisers Wilhelm II.", wie es auf einer Tafel in Saal 110 heißt. Die untere Hälfte des hohen Raums ist mit edlem Holz vertäfelt. Das Gericht, so scheint es, sitzt hier noch eine Idee höher als in anderen Gerichtssälen. Über der Anklagebank ist ein Mahnwort ins Holz geschnitzt: "Vorgethan und nachbedacht, hat manchen schon in Leid gebracht." Darunter sitzt, mit hängenden Schultern und furchtbar eingeschüchtert, die Angeklagte Kornelia K., 24 Jahre alt, ledig. Kindesmißhandlung in zwei Fällen und fahrlässige Körperverletzung, ebenfalls in zwei Fällen, wirft ihr die Staatsanwaltschaft vor.

Zweimal soll die junge Frau ihre heute zweijährige Tochter "gequält oder roh mißhandelt" haben. Einmal habe sie dem Kind "einen Zwieback in der Größe eines Fünf-Mark-Stücks" in den Hals gedrückt, so daß das Mädchen im Rachen blutete. Außerdem habe sie ihre Tochter "mehrfach" in ein wackeliges Kinderbett gelegt, "welches anschließend zusammenbrach, wobei sich das Mädchen jeweils verletzte", so die Anklage. Ferner habe Kornelia K. ihr Kind einmal "zu nahe an einen heißen Topf" gebracht; dabei habe die Kleine "Brandwunden an den Fingern der rechten Hand" erlitten. Schließlich habe die Angeklagte ihre Tochter "in einer viel zu kleinen Wanne" gebadet und dabei "nicht berücksichtigt, daß das Mädchen mehrfach mit dem Kopf auf den Henkel dieser Wanne aufschlug und so Hämatome am Kopf erlitt".

Kornelia K.s Tochter Christine ist geistig und körperlich schwer behindert. Zur Welt kam sie mit einem Kaiserschnitt. Zum Vater des Kindes, einer flüchtigen Urlaubsbekanntschaft, hat die junge Mutter keinen Kontakt; sie kennt nicht einmal mehr seinen Namen. "Vorgethan und nachbedacht ..." Doch, sie habe das Kind immer haben wollen, sagt Kornelia K., auch als man ihr noch während der Schwangerschaft eröffnete, daß das Kind wohl geistig behindert sein wird. Kornelia K. wirkt offen, natürlich und wesentlich jünger, als sie ist. Sie trägt einen Pferdeschwanz. "Eine Abtreibung kam für mich nie in Frage", sagt sie. Nach ein paar Sätzen kommt sie ins Stocken, fängt an zu weinen; schließlich muß die Verhandlung kurz unterbrochen werden, weil sie sich vor Schluchzen gar nicht mehr halten kann. An der Wand hinter dem Gericht steht: "Strafe ist die Gerechtigkeit, sagen die Weisen."

Kornelia K. mag Kinder. Von Beruf ist sie Spielwarenverkäuferin. Während der Schwangerschaft hat sie ihre Stelle gekündigt, um sich ganz ihrem Kind widmen zu können. Sie lebt zu Hause, bei und von ihren Eltern. Ihr Vater ist Kranfahrer, die Mutter Hausfrau. Eigenes Einkommen hat Kornelia K. nicht. Kurz nach der Geburt wurde Tochter Christine operiert; das Mädchen hat einen Wasserkopf und konnte zunächst nur durch Sonden ernährt werden. In der Klinik habe ihr der Stationsarzt gesagt: "Lassen Sie das Kind hier, das wird nichts mehr, das stirbt bald." Nie hätten die Schwestern das Mädchen mal auf den Arm genommen, wie sie das mit den gesunden Kindern getan hätten. Gegen den Rat der Ärzte hat Kornelia K. nach drei Monaten ihr Kind nach Hause geholt. Wie sie die Sonden anlegen mußte, habe sie zuvor immer den Schwestern abgeguckt.

Ob sie denn zu Hause von ihren Eltern bei der Kindespflege unterstützt worden sei, fragt der Amtsrichter Bernd Fronhoffs. Kornelia K. möchte ihren Eltern gegenüber offensichtlich nicht ungerecht sein. "Meine Mutter hat drei gesunde Kinder aufgezogen", antwortet sie, "und jetzt das behinderte Enkelkind; die konnte das mit den Sonden nicht." Wie ist denn überhaupt das Verhältnis zu den Eltern? "Die schimpfen mich immer runter." Ihre Mutter sagte bei der polizeilichen Vernehmung, ihre Tochter habe das Kind lieber allein pflegen wollen: "Von mir hat sie keine Lehre angenommen."