Von Hans Pleschinski

Zwar fehlen die Berge. Zwar fehlen den Zügen die Schlaf- und Speisewagen, weil sämtliche Bahnstrecken zu kurz sind. Doch ansonsten gilt für die geographische Depression zwischen den Ardennen und den High-Tech-Deichen vor der Nordsee, zwischen Ems und Scheide, gilt für die Vereinten Niederlande wohl eher ein "Faust"-Wort aus Weimar: "Im Innern hier ein paradiesisch Land, / Da rase draußen Flut bis an den Rand."

"Mangel" ist in der Tat selten das Stichwort gewesen für sieben, einst disparate Habsburger-Provinzen, die 1579 alle Fremdherrschaft nicht länger dulden wollten und sich in Utrecht für frei und unabhängig erklärten. Diese Union, die lieber sich selbst überflutete als Steuern im El Escorial und vorwiegend calvinistische Gewissen in Rom abzuliefern, wurde um 1600 unversehens zum frischen Staat mit seiner Devise "Je maintiendrai", "Ich werde durchhalten". Mit diesem Zuspruch an sich selbst ist ein kleines Volk bisher eindrucksvoll durch die Geschichte gekommen.

Der stille Reichtum einer eigentümlich republikanischen Monarchie kennt viele Phasen und Ausprägungen. Er reicht von den rotweißblauen Fahnen, die einst an jedem zweiten Schiff auf den Weltmeeren wehten, bis hin zur Gemüse-Vorherrschaft im derzeitigen Europa. Er reicht von den sechzehn Tonnen Gold, die Amsterdam zu der Zeit seiner großen Ratspensionäre für die bestversorgten Armen der Welt bereithielt, bis hin zu den heutigen, gummierten Gehsteigecken, an denen Blinde sich nicht verletzen können. Holländischer Reichtum zeigt sich auch an der inneren Liberalität. Nie standen in den Generalstaaten für große, jüdische Gemeinden Ghettos oder Abzeichen zur Debatte. Frauen kontrollierten bereits in den Tagen Rembrandts etwa ein Viertel aller Wirtschaftsbetriebe. Der freie Handel mit soft drugs heute, paart sich mit der wahrscheinlich intensivsten Aufklärung über den Drogenmißbrauch. Holland, dessen Name oft für die sieben Provinzen steht, ist nicht bloß zum Meer hin offen. Wie einst und oft das Wasser, hat es bisher auch noch jede starre Haltung wieder abgepumpt.

Die gewachsene Mentalität, die dahintersteht, der pragmatische Sinn für das allseitige Wohlergehen konnten seit jeher Nachbarn in Weißglut versetzen. Ludwig XIV. haßte ein Land, in welchem Versailles als Verschwendung betrachtet wurde. Gemeinsam mit dem Bischof von Münster trieb er 1672 den prosperierenden Parvenü fast ins Meer. England raste zeitweise gegen den sanften Handelsrivalen und dessen geradezu brüskierende Friedfertigkeit: "Holland, das kaum den Namen Land verdient, außer als Anschwemmung britischen Sandes", hieß es, als die siegreichen Niederländer 1654 Cromwell um einen Kompromißfrieden baten. Übler jedoch als Hitler wütete niemand gegen das nie und durch nichts zu ködernde Randvolk. Aber für die Vernichtung Rotterdams, für die Judendeportationen bekamen die Besatzer den einzigen Eisenbahn-Streik in Nazi-Gebieten serviert, die kälteste Ablehnung durch wahrscheinlich germanischere Germanen, als sie im Reich zu finden waren.

"Schamloser Eklektizismus war meine einzige Richtschnur", erklärt der Engländer Simon Schama im Vorwort zu seinem überraschenden und tatsächlich ganz freien Buch "Überfluß und schöner Schein. Zur Kultur der Niederlande im Goldenen Zeitalter". Schama lebte in Holland. Er lehrt in Harvard Geschichte. Auf 700 sinnfällig bebilderten Seiten führt Schama etwas vor, was es möglicherweise gibt: "Das kollektive Bewußtsein" eines Staatsvolks. Um den "klaustrophobischen Weltumseglern" auf die Wesensart zu kommen, führt der lustvolle Eklektiker noch das verblüffendste Material ins Feld: westfriesische Hebammen-Tagebücher, Pamphlete gegen den Tulpenwahn von 1637, verweiskräftige Sinnsprüche für Vermeersche Hausfrauen, die durch fleißige Rechtschaffenheit sich gegen Natur und Außenwelt behaupten wollten: "Meine Bürste ist mein Schwert, mein Besen meine Waffe."

Schamas – Kaleidoskop einer "halbaquatischen Zivilisation" ist von einer Fragestellung geprägt: "Wie läßt Materialismus sich moralisieren? Die Niederländer genossen ihren Reichtum, und sie litten unter ihm. Besitz meinte für sie, daß Besitz zugleich bedroht war: seit jeher vom Meer, von eifersüchtigen Nachbarn, von Gott, der das neue, auserwählte Volk auch strafen konnte.