Funde werden lästig

Von Frank Sieren

Trier

Der Baggerfahrer ist frustriert. Jedesmal, wenn die Zähne der Baggerschaufel sich in der Erde verbeißen, winkt der Grabungsleiter in seinen lehmschweren Gummistiefeln mit imperialer Geste ab. Nun sind feinere Werkzeuge gefragt, Schaufeln, Kellen, Pinsel, um die römischen Mauern freizulegen. Wo immer auch gegraben wird, fühlen sich die Bewohner Triers, der ältesten Stadt Deutschlands, von den hartnäckigen Spuren des antiken Colonia Augusta Treverorum bedrängt. Dann ist der Stolz auf die attraktiven römischen Bauten, auf Porta Nigra oder Kaiserthermen, vergessen. Geschichte wird lästig.

So jüngst auf dem Trierer Viehmarkt, einem häßlichen Platz im Südteil der Innenstadt. Eigentlich wollte die Stadt dort ein umstrittenes Bauprojekt, den Neubau der Stadtsparkasse und einer Tiefgarage für 800 Autos, zügig zu Ende bringen. Doch die Ausschachtungsarbeiten wurden eine Reise durch die Geschichte: Bis zu 2,40 Meter dicke Grundmauern, sorgfältig aus Kalkstein errichtet, wurden von Grabungstechnikern freigelegt. An der Südseite fügen sich die Mauern zu drei großen nebeneinanderliegenden Räumen zusammen, zwei davon mit flachen Apsiden beiderseits eines rechteckigen Mittelsaals. Staunend stehen Touristen und Einheimische am Bauzaun.

Die Archäologen sind fasziniert. Sie haben nach den Kaiserthermen aus dem 4. Jahrhundert und den Babarathermen aus dem 2. Jahrhundert ein noch älteres Bad in Trier entdeckt. Diese sensationellen Funde, entstanden in den Jahren 70 bis 80 nach Christus, stammen aus der Experimentierphase der römischen Provinzialbaukunst.

Die über zweitausendjährige Geschichte hat jedoch nicht nur römische Spuren hinterlassen. Kaum hatten die Preßlufthämmer die Straßendecke zerbröselt, stieß man auf ein Netz von Splittergräben aus dem Zweiten Weltkrieg samt scharfer Sechzehn-Kilo-Bombe. Darunter fanden Arbeiter neben den Resten eines jüdischen Friedhofs Teile eines Kapuzinerklosters. Nirgends sonst in Deutschland zeigen sich die Schichten der Stadtgeschichte so eindrucksvoll.

Doch Triers Stadthalter bestehen auf ihren Plänen. Im nordöstlichen Teil des Platzes wollen sie ein fünfgeschossiges Kunden- und Verwaltungsgebäude für die Stadtsparkasse errichten, einen Solitärbau, der mit seiner 200 Meter langen Front die Platzgrenzen sprengt und "allenfalls geeignet ist, die Minderwertigkeitskomplexe der Bank gegenüber dem benachbarten Bankenplatz Luxemburg zu kompensieren", wie ein Mitglied der Bürgerinitiative gegen den Viehmarkt meint. Weil die Bank Parkplätze benötige, finanziere sie eine Atombomben- und ABC-Waffen-sichere-Tiefgarage, meinte das Regionalblatt Trierischer Volksfreund.

Funde werden lästig

Um die Erhaltung der Kernanlage der Thermen kommt die Stadt zwar nicht herum, doch den Funden unter der Bank bleibt kaum eine Chance, obwohl dort zum ersten Mal in Trier die Möglichkeit bestünde, neben den Thermen einen Ausschnitt der römischen Stadt zu erhalten, mit der Hauptstraße Cardo und Wohnhäusern, die entstanden, als sich die ersten Römer bei den Barbaren niederließen. Ein seltener Fund, sagen Archäologen. Doch Triers Oberarchäologe Heinz Cüppers hält diese Funde für nicht erhaltenswert. "Wir können nicht auf Teufel komm ’raus Mauern erhalten." Einen Teil des Kapuzinerklosters und die Splittergräben ließ er bereits abreißen.

Geschichtsbewußte Bürger protestieren. Der Trierer Historiker Wolfgang Schieder sieht darin "eine ebenso beklagenswerte wie unnötige Zerstörung von geschichtlicher Anschauung unserer Stadt". Das gelte auch für die Zeugnisse des Zweiten Weltkrieges. Die Trierer CDU ist ebenfalls der Ansicht, daß an keiner anderen Stelle sich Geschichte so gut überblicken lasse. Doch Christoph Böhr, Bundesvorsitzender der Jungen Union und Fraktionsvorsitzender der Trierer CDU, hat klargestellt: "Das Verwaltungsgebäude der Stadtsparkasse ist und bleibt notwendig."

Das Geflecht zwischen CDU-Stadtratsfraktion und Sparkasse setzte sich durch, obwohl das Oberverwaltungsgericht Koblenz den ersten Bebauungsplan für nichtig erklärt hat, weil der Leiter des Rechenzentrums der Bank unzulässigerweise als CDU-Stadtratsmitglied an der Entscheidung beteiligt war. Nachdem das Land Rheinland-Pfalz die Finanzierung zugesagt hatte, entschloß man sich, für die nicht von der Bank und der Tiefgarage bedrohten Funde ein Thermenmuseum in den neuen Bebauungsplan zu zwängen.

Lange vor der offiziellen Ausschreibung war aus der Umgebung des damaligen Oberbürgermeisters Felix Zimmermann zu erfahren, wer das Museum planen sollte: sein Freund Oswald Mathias Ungers, einer der, obwohl umstritten, renommiertesten deutschen Architekten. Ungers hat in Trier schon den Vorplatz der imposanten Konstantin-Basilika gestaltet. Seinen Dreißig-Millionen-Mark-Entwurf präsentiert er im Sinne einer Schokoladenmarke: quadratisch, praktisch, gut. Der Kölner Architekt, der nicht nur in Trier der "Guru des Quadrats" genannt wird, will einen vierzig Meter breiten und fünfzehn Meter hohen Glaskubus über einen Teil der Thermen stülpen. Es soll eine "mehr oder minder beliebige Fläche wie ein Fenster in die Platzfläche hineingeschnitten werden", erläutert Ungers. "Der Ausschnitt wird gewissermaßen als Deckel durch ein gleichmäßiges Stützraster emporgehoben und mit einer transparent wirkendenden Glashaut nach außen geschützt."

Ungers ist von seiner Idee begeistert. Er hält seinen Kubus für bedeutender als die Pyramide des Amerikaners Pei vor dem Pariser Louvre. "Kein anderes Museum der Welt hat die Möglichkeit, überlagerte Geschichte von der Antike bis zur Neuzeit unmittelbar zu zeigen." Die Trierer Bürger beeindruckt das wenig: Hier wolle sich einer eher ein Denkmal bauen als einen Platz für Bürger, heißt es, oder: "Das Glashausmonster erweckt keinerlei Heimatgefühl."

Selbst dem Stadtvorstand ist der Entwurf nicht ganz geheuer – er will den Bau auf Trierer Verhältnisse stutzen. Der schwarze Mercedes von Ungers steht deshalb jetzt häufiger im Parkverbot vor dem Rathaus. Während der harten Verhandlungen schrumpfte das Volumen der Ungers-Vitrine um mehr als die Hälfte, während an der Bank nur kosmetische Veränderungen vorgenommen wurden. Im neuen Bebauungsplan ist die Traufhöhe des Gebäudes um einen Meter gesenkt worden, damit die kleine spätgotische Antoniuskirche, die den Viehmarktplatz einst bestimmte, nicht vollends zur Kapelle wird. Auf ihren Autoschalter muß die Bank "wehen Herzens", so Direktor Gerd Burscheid, verzichten. Als Erinnerung an die Funde unter der Tiefgarage werden die Intarsien zweier sich kreuzender Straßen in den Platz eingelassen, von denen eine werbewirksam im Eingangsbereich der Bank endet.

Die Bürgerinitiative fühlt sich verschaukelt. "Warum müssen römische Funde und außergewöhnlicher Museumsbau Platz machen zugunsten eines unbedeutenden Bankgebäudes?" fragt der Stadtgeograph Johannes Michael Nebe. Die Kritiker bemängeln vor allem den städtebaulichen Wirrwarr auf dem Viehmarktplatz. Die geplanten Gebäude stehen zueinander wie auf den Platz gewürfelt, umgeben von dem, was jahrelange städtebauliche Konzeptionslosigkeit hervorgebracht hat.

Funde werden lästig

Die Bürgerinitiative wundert sich besonders darüber, daß Ungers "dieses Chaos" verteidigt. Seine Begründung: Die Bank werde von zwei filigranen Gebäuden – der spätgotischen Kirche und seinem Museum mit einer "Stahlgotik, die auch filigranhaft sein soll" – eingerahmt werden. "Wenn zwei Filigranbauten als flankierende Gebäude neben einem mehr nüchternen Stahlbau stehen, könnte das eigentlich ganz gut aussehen." Baudezernent Reinhard Heinemann sieht das anders: "Die Bank ist das prägende städtebauliche Element in der Gesamtkonzeption." Dieser Meinung ist auch die Bürgerinititative; sie fordert deshalb hartnäckig eine Neuplanung und die Erhaltung der vom Bagger bedrohten Funde.

Die Stadt läßt sich davon nicht mehr beeindrucken. Sie will den Bebauungsplan so schnell wie möglich rechtskräftig machen. Die Kommunalwahl am 18. Juni ist nicht mehr fern, und die am Viehmarkt ansässigen Geschäftsleute drohen mit Vergeltung, wenn das Bauloch nicht bald geschlossen wird. Über allem geistert die dunkle Ahnung, daß auch nach der Öffnung zum EG-Binnenmarkt niemand merken wird, daß Trier im Mittelpunkt Europas liegt. "Die können von Glück reden, daß die Römer nicht mitwählen", sagt einer der Archäologen leise.