Von Dieter Dietrich

Kurios: 13 Jahre lang hatte der Mann keinen seiner Kunden geprellt und Super-Zinsen gezahlt“, staunte das Lokalblatt Berliner Morgenpost, als am 19. Mai vorigen Jahres der Kaufmann Fritz Rautenberg in einem Betrugsprozeß zu zwei Jahren Haft verurteilt wurde, aber als vermeintlich „kleiner Fisch“ – wiewohl mehrfach einschlägig vorbestraft – zur Bewährung auf freiem Fuße blieb.

Das war eine krasse Fehleinschätzung: Keine sechs Monate später erkannte auch die Justiz in Rautenberg einen kapitalen Anlagehai, der an die tausend private Investoren um Vermögen in der Größenordnung von 100 bis 200 Millionen Mark gebracht haben soll. Seit dem 8. Mai stand er wieder vor dem Kadi, in einem Prozeß, in dem manche ein nicht unproblematisches Kriminal- und Justizstück sahen. Zumindest in den Augen vieler Geschädigter tragen nämlich einige Behörden Mitschuld an Dauer und Dimension der Betrugsaffäre.

Seinerzeit, im Mai vorigen Jahres, hielt die 5. Große Strafkammer beim Landgericht Berlin unter dem Vorsitz von Hans-Georg Bräutigam den Angeklagten Fritz Rautenberg für überführt, unter Mißbrauch eines falschen Doktor- und Professorentitels betrügerisch mit rund hundert Anlegern unerlaubte Bankgeschäfte in der Größenordnung von vier Millionen Mark gemacht zu haben.

Milde hatte die Richter damals gestimmt, was in Wirtschaftsprozessen Staatsanwälten wie Gerichten die Arbeit (nicht aber zwangsläufig auch die Wahrheitsfindung) erleichtert. „Bei der Strafzumessung“, so läßt sich im Urteil nachlesen, „fiel zugunsten des Angeklagten dessen offenes und umfangreiches Geständnis ins Gewicht“’ – in Kenntnis des tatsächlichen Sachverhalts ein blanker Hohn.

Allzu vertrauensselig war das Gericht wohl auch mit seiner Entscheidung, den Angeklagten auf Bewährung unter der Auflage laufen zu lassen, „die noch bestehenden Einlagegeschäfte abzuwickeln und keine neuen unerlaubten Bankgeschäfte zu betreiben“. Rautenberg nutzte das in ihn gesetzte Vertrauen auf seine Weise: Auszahlungen sowohl von Zinsen als auch – erst recht – von Kapital lehnte er unter immer neuen Ausflüchten („Die Behörden haben mir die Konten gesperrt“) ab; neue Anlagegelder indes nahm er schon vom Tag nach seiner Verurteilung an wieder entgegen.

Sie stammten teils von Kunden, die trotz der Presseberichte nichts vom Prozeß mitbekommen hatten. Teils kamen sie über Kundenvermittler herein, die sich um ihrer eigenen Provisionen willen um das gerichtliche Verbot nicht scherten. Auf diese Weise kassierte Rautenberg allein im Mai 1988 zwei Millionen und in den Monaten bis zu seiner Verhaftung Anfang November vorigen Jahres weitere drei Millionen Mark – so die von den Geschädigten der Polizei genannten Summen; die schwarz angelegten Gelder dürften ein Vielfaches davon ausmachen.