Großverdiener, die vielfach mit Millionenbeträgen Rautenbergs Schublade noch voller stopften, kalkulierten risikobewußt: absahnen, solange der Schneeball läuft; den Verlust verschmerzen könren, wenn das Ganze schiefläuft. "Mir war klar", verriet jetzt ein kleiner Bankmanager, "daß mit dem Geschäft nicht alles in Ordnung sein konnte. Daß mein Geld jetzt weg ist, tut mir nicht weiter veh."

Am besten kam über all die Jahre Rautenberg selbst weg. "Einen äußerst exklusiven Lebensstil" bescheinigte ihm Staatsanwältin Beatrice Fischer, und Konkursverwalter Leonhardt stand nahezu fassungslos vor den geöffneten wuchtigen Schränken in Rautenbergs Domizil: "Massenweise Maßanzüge in grellen Papageienfarben, dazu passend cutzendweise maßgeschneiderte Hemden, zum Teil unausgepackt – die Einrichtung stinkteuer, aber potthäßlich und darum schwer verkäuflich."

Allein für knapp eine halbe Million erstand Urlauber Rautenberg nach eigenem Eingeständnis 1986 auf Sylt gleich mehrere Service aus Meißner Porzellan. Er bat, das Tafelservice mit dem angeblichen Familienwappen nachträglich zu bemalen. Das Wappen zierte nicht nur die Kundenquittungen. Es prangt auch goldunterlegt an der Wand des Swimmingpools im Fitnesshaus einer von ihm für anderthalb Millionen Mark erbauten Harzer Hotelanlage.

Freunden und Freundinnen pflegte er sich als spendabler Gönner zu präsentieren: Zum Aufbau des russischen Folklore-Lokals "Iwuschka" griff er ohne eigene Firmenteilhaberschaft mit 100 000 Mark der Chefin unter die Arme. Ein anderer erhielt laut Anklageschrift ein Darlehen über eine Viertelmillion – zinslos. Ebenso selbstlos finanzierte er ein Filmprojekt, das sich als Flop erwies. Kleinkünstlern erfüllte er den Traum einer eigenen Audiokassette, die er auf seine Kosten produzieren ließ und gratis in Anlegerkreisen vertrieb – ein wahrer Menschenfreund.

Im krassen Gegensatz zu so auffallendem Geltungsbedürfnis stand der biedere Zuschnitt seiner Berliner Niederlassung im zweiten Stock eines Mietshauses in Wilmersdorfs Bayerischer Straße 6. Ohne Firmensitz im Inland, schrieb der Geldscheinsammler im Hinterzimmer, emsig wie ein Buchhalter und stets im dunklen Anzug, am laufenden Band Darlehensquittungen aus – bis zu zehn in einer Stunde. Darauf bescheinigte er beispielsweise, daß die Rückzahlung eines bestimmten Anlagebetrages für "Erdgas in Norwegen" zuzüglich zwanzig Prozent Zinsen in sechs Monaten und drei Tagen erfolgen werde und "der Broker Prof. Dr. Fritz Rautenberg" für die Summe persönlich hafte.

Derweil betrieb sein Bruder Karl-Heinz in den Vorderräumen eine wegen viel zu hoher Sollzinsen nahezu geschäftslose Kreditvermittlungsagentur, die offiziell als GmbH im Handelsregister eingetragen und als Gewerbe angemeldet war. Argwöhnischen Beamten, denen das Kommen und Gehen der Kunden im Hause hätte verdächtig erscheinen können, sollte diese falsche Fährte den hohen Kreditbedarf der Berliner Bevölkerung vorgaukeln. Solche Täuschungsmanöver waren aber kaum nötig, der Behörden Schlaf war offenbar nur schwer zu stören. Kriminalrätin Petra Klein, erst seit kurzem im Berliner Betrugsdezernat, stellte der Kripo ein Armutszeugnis aus: "Gegen Rautenberg wird schon seit 25 Jahren ermittelt."

Verbrieft sind etliche betagte Eingaben an das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen mit Sitz in Berlin. Ein Schreiben datiert aus dem Jahre 1983. Darin fordert der Inhaber der in Spanien ansässigen International Credit Bank SA, Heinrich Sauermann, die Behörde auf, etwas dagegen zu unternehmen, daß sich der falsche Professor im iiternationalen Geschäftsverkehr als "Bankier" aufspiele.