Wenn es denn wahr sein sollte, dann war es der letzte Irrtum in seinem an Irrtümern wohl nicht gerade armen Leben. "Sie können uns", habe der Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben – so berichten Zeugen – dem Volksgerichtshofpräsidenten Freisler zugerufen, "Sie können uns dem Henker überantworten. In drei Monaten zieht das empörte und gequälte Volk Sie zur Rechenschaft und schleift Sie bei lebendigem Leibe durch den Kot der Straßen!"

Ein böser letzter Irrtum, wie gesagt: Das empörte und gequälte Volk tat nichts dergleichen. Im Falle Freislers war das auch gar nicht mehr möglich, denn hier hatten alliierte Bomben im Februar 1945 schon ihr Urteil gesprochen und sogleich vollzogen. Doch von denen, die sozusagen ihr Ende überlebten, von all den Richtern und Henkern, den Mordmanagern und Schergen, dem Professorenpöbel an den ehrwürdigen deutschen Universitäten und den KZ-Profiteuren aus der ehrwürdigen deutschen Wirtschaft, wurde nun wahrlich niemand nach dem 8. Mai 1945 vom empörten und gequälten Volk zur Rechenschaft gezogen. Und mag man auch an der Nürnberger "Siegerjustiz" manches bemängeln – den furchtbaren deutschen Juristen übergeben, da bin ich mir ganz sicher, hätte selbst Adolf Hitler nur zehn Jahre bekommen, auf Bewährung versteht sich. Freislers Witwe jedenfalls belohnte unser Staat für die Terrortätigkeit ihres Mannes noch bis in unsere Tage mit einer hübschen Pension, und während die Obrigkeit jeden Hafenstraßenkrakeeler mit unnachgiebiger Härte ins Visier nimmt, erhielt – vor wenigen Wochen erst – der wegen bestialischen Kindermords zu (immerhin!) lebenslanger Haft verurteilte SS-Mann Gottfried Weise nach der Urteilsverkündung freies Geleit. Bis heute gelang es der fabelhaften deutschen Polizei nicht, den 68jährigen Rentner festzunehmen. Es wird wohl am oft beklagten Personalmangel liegen.

Das empörte und gequälte deutsche Volk hatte andere Sorgen damals, im Sommer 1945, als alles zu Ende war. Und darüber hat es, so scheint’s, rasch und für immer vergessen, daß es vielleicht einmal empört war und wie es womöglich einmal gequält worden ist. Schwamm drüber, und für tabula rasa hatten die Lancaster und Flying Fortresses ohnehin gesorgt. Die Tafel glänzte schwarz und leer: "So viel Anfang war nie."

Die Historiker vom Museum Industriekultur in Nürnberg haben dieses Hölderlinwort mit Bedacht gewählt für eine Ausstellung, welche die Jahre 1945 bis 1949 weniger als die Zeit nach dem Zusammenbruch als vielmehr als eine kurze, gespenstisch vitale Epoche des Aufbruchs dokumentieren will. Nicht Stunde Null, nicht Phönix aus der Asche – aber doch, das wird als These deutlich, ein Moment des versuchten Neubeginns, ein Geschichtsaugenblick, in dem, wie panisch auch immer, mehr vor- als zurückgedacht wurde, in dem das überlebensnötige Weitermachen, Weiterwursteln von der Vision des "Alles-neu-Machens" in Schwung gehalten, leistungsfördernd beflügelt wurde. Für die Vergangenheit waren die Sieger zuständig; um das Hängen und Durchden-Kot-Schleifen der Verbrecher konnte sich der deutsche Volksgenosse nur wenig kümmern – er war ja mit dem Überleben, mit dem Neu-Machen beschäftigt.

Es ist diese Zukunftssucht, Zukunftsflucht, um die es in Nürnberg geht. Die Ausstellung versucht, den schizoiden Geist der Zeit, diese manische Überlebensarbeit zwischen Vergangenheitsverdrängung, Re-education und dumpfestem Besiegtenopportunismus, dieses bizarre Zeitgemisch aus alten Ressentiments und einem existentiellen Hunger nach allem Neuen dingfest, sichtbar zu machen: Hier der Ami-Jeep und die Lucky-Strike-Packungen, dort die Stahlhelm-Kochtöpfe, die Brotmarken, die Trümmerloren. Hier die Szene aus den Sälen der Spruchkammern – nichts gesehen nichts gehört, nichts gesagt –, dort der Dokumentarfilm, der das Unfaßbare zeigt: die Arbeit der "Todesmühlen", der Konzentrations- und Vernichtungslager. Hier die Texte Wolfgang Borcherts, sein Versuch, mit dem Balsam eines spätexpressionistischen Pathos die ungeheuerlichen Erfahrungen des Krieges, die Verwundungen, Verstümmelungen, zu "Kunst" verheilen zu lassen, dort die Visionen einer neuen, quasi geschichtslosen, lichtvollen Architektur, wie sie die Künstler des Bauhauses in ihren kühnsten Träumen entwarfen.

So viel Anfang war nie – doch nur weniges, auch das macht die Ausstellung deutlich, ist wirklich neu Ob in der Malerei, Architektur, Literatur, Musik – überall in den Künsten werden unterbrochene Linien wiederaufgenommen, knüpfen die Protagonisten an Muster und Modelle an, die schon in den zwanziger Jahren, ja, zum Teil, wie im Falle der Stadtplanung, während des Krieges entworfen und entwickelt worden waren. Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, daß ein nach Deutschland zurückgekehrter Exilant wie Alfred Döblin, der ja weitergeschrieben, sich weiterentwickelt hat, hierzulande kein Publikum mehr findet – und selbst bei der "Gruppe 47" draußen vor der Tür bleibt. Ein Grund auch dafür, daß etwas "Neues" wie der Existentialismus – die Ausstellung zeigt Bühnenbilder und Szenenphotos der ersten deutschen Sartre-Inszenierungen – eher zu einem diffusen Expressionismus gerät, und auch manches Bild, manche Skulptur der Ausstellung mehr an "Brücke" und "Blauen Reiter" erinnern als an die Zeit, in der sie entstanden.

Zeitsprünge, die schwierig darzustellen, noch schwieriger in einer Ausstellung zu erklären sind. Vor allem dann, wenn man sich, wie hier in Nürnberg, gleich allzuviel vorgenommen hat. En Panorama soll aufgerollt werden, ein großes Rundumgemälde – doch inmitten al der oft nur angerissenen Themen, oft nur angedeuteten Details, tappt der Besucher zunehmend gehetzt umher. Selten kommt die Ausstellung zur Ruhe; aus allen Winkeln quäken Videos mit kurzen Film- und Wochenschau-Ausschnitten einander nieder: Hier eine Thomas-Mann-Rede, dort eine Jazzband, hier Orson Welle; in der Wiener Kanalisation, dort Hamlet Laurence Olivier auf den Klippen Helsingörs, "Sein oder Nichtsein" in die weißschäumende Gischt grummelnd. In den rührenden Eifer, ja keinen "Aspekt" auszulassen, steigert sich die Ausstellung in eine Hektik, behauptet sie ein buntes Lebenstempo, das doch gerade von der bleiernen Trostlosigkeit der vielen Trümmerveduten bitterlichst widerlegt wird.