Von Esther Knorr-Anders

Jeder hat es erlebt: Ein Wohnungswechsel steht bevor. Die Haare sträuben sich ob der bloßen Tatsache. Der Gedanke an die Kosten beschleunigt den Puls. Dennoch weiß man, es geht nicht anders. Die Gründe für einen Umzug sind verschieden. In diesem Falle war es die Freigabe einer reinen Wohnstraße für den Durchgangsverkehr. Hinzu kam Musikterror im Haus durch den Neueinzug eines Paares, das seiner Selbstverwirklichung unüberhörbar entgegenstrebte. Wer nicht nervlich durchdrehen wollte, mußte fliehen. Aus der Traum vom Heim, das eine „feste Burg“ schien, perdu die gutnachbarlichen Beziehungen. Es war acht Uhr morgens. „Rumtumtum“, dröhnte es aus der Dachwohnung. Ich legte den Eierlöffel hin. „Raus, ohne Aufschub.“ Der kauende Ehepartner streckte beide Daumen in die Höhe, Geste vorbehaltsloser Zustimmung. Noch am Frühstückstisch entwarfen wir die Annonce. „Zwei Lärmempfindliche suchen ruhige Bleibe“, sollte in Fettdruck stehen. Der Hinweis, daß sowohl Hunde wie Katzen vor unserer Liebe sicher seien, durfte für ähnlich liebesunfähige Vermieter nicht fehlen.

Zwei Tage darauf prangte die Annonce in der Zeitung. Unmittelbar daneben ein anderes Inserat. Einem radauabgeneigten Ehepaar wurde komfortable Unterkunft in baumreicher Wohnlage geboten. „Haustiere unerwünscht!“ Ich traute den Augen nicht. Welch ein Interessen-Zusammenprall. Ich wollte die angegebene Rufnummer wählen. Das Telephon läutete. Ein Makler meldete sich. Er sagte, er habe gerade unsere Anzeige gelesen. Er wolle nicht verhehlen, daß die schon mehrfach inserierte Wohnung etwas schwierig zu vermieten sei, und zwar der stillen Gegend wegen. Sie läge nämlich zwischen zwei Friedhofen – zeichne sich aber durch uralten Baumbestand aus, wunderbare Blumen rochen, köstliche Luft, Tempobeschränkung; eine Friedensoase schlechthin. „Am Ruhberg“ werde die Gegend genannt, damit man nicht gleich wittere, daß es sich um Totenacker handele. Ob ich die Wohnung mal sehen wolle? Wir wollten. Er holte uns zur Besichtigung ab.

Der moderne Bau präsentierte sich am Hang. Alles stimmte. Die Stille, machtige Bäume, Blütenzauber. Beim Eintritt in die Wohnung wechselte der Ehepartner die Farbe. „Um Himmels willen!“ Der Schreckensruf war berechtigt. Die Behausung bot sich abgenutzt dem Blick. Aber sonst? Die Raumaufteilung wetteiferte mit dem Mietpreis. Pflegeleichte Parkett- und Mamorböden. Ich stellte mir die Wohnung renoviert vor. Tipptopp, in strahlendem Persilweiß. Abends entschieden wir uns für sie.

Getrennt organisieren, vereint fluchen! Das war die Devise der kommenden Wochen. Zum Teufel, wieviel Papierkram war notwendig, um einen lumpigen Umzug durchzuführen. Auf des Ehemanns Schreibtisch stapelten sich Um-, Ab- und Anmeldungen, aufgetürmt lagen Adressenänderungs-Mitteilungen an Freund und Feind. Ich pendelte zwischen alter und neuer Wohnung hin und her. In letzterer schuftete ein junger Malermeister. Er verweigerte sich, „nur kaltes Weiß“ zu streichen. „Wenigstens im Wohnzimmer ‚Marocain‘, einen Stich zartes Rot“, flehte er. Zum Protest war ich zu matt. „Machen Sie, was Sie wollen. Hauptsache das Rot sieht weiß aus.“ Sichtlich beglückt begann er zu mischen.

Der Elektriker hockte zwischen den Lampen. Er beschwerte sich über die niedrigen Decken der neuen Bleibe. „Sie haben im Altbau gewohnt. Ich muß die Lampenschnüre kappen, sonst hängt der Leuchter in Bauchhöhe. Kappen verteuert den Preis.“ Ich nickte ergeben. Der Fensterputzer klemmte sich den Daumen im Schwingrahmen. Ein Heftpflaster begehrte er. Wo nimmt man in einer leeren Wohnung Heftpflaster her? Der Postler kam das Telephon legen, schloß den Apparat an. Kein Ton, so derb er den Hörer auch schüttelte. „Da stimmt was mit der Leitung nicht. Ich geh’ mal in den Garten und seh’ mir die Sache an.“ Es dauerte sechs Stunden, bis das für den Surrton entscheidende Kabel gefunden war.

In der alten Wohnung hatte der Ehepartner Tabula rasa gemacht. Gardinen samt Stangen waren verschenkt. „In den öden Fensterhöhlen wohnt das Grauen“, zitierte er Schiller. Anschließend fuhr er sämtliches Gebrauchsgeschirr, in riesige Müllbeutel gestopft, zur neuen Unterkunft. „Das Verfahren erspart Zeit“, triumphierte er. Die Absicht, irgend etwas eigenhändig ein- oder auszupacken, hatte ich ohnehin längst aufgegeben. Wie verabredet erschien am Tag vor dem Umzug, punktlich um 7.30 Uhr, der Packer einer auf „Komplettumzüge“ spezialisierten Firma. Bedachtigen Schrittes durchmaß er die Wohnung. „Zsst, zsst“, ließ er sich ab und zu vernehmen. Jedesmal folgte ein vorwurfsvoller Blick. „Es ist ein kleiner Umzug, aber ein komplizierter. Die Kollegen werden es schwer haben. Alte Möbel!“ Es hörte sich an, als hätte er „alter Plunder“ geraunzt. In den Arbeitszimmern verdüsterte sich sein Auge zusehends. Der englische Schrank stand auf zu dünnen Beinen; der barocke Lothringer war zu dick und zu hoch. „Den bringt niemand durch die Tür einer Neubauwohnung. Abschlagen laßt er sich nicht. Viel zu mürbes Holz.“ Er schob Regalturen auf, rang die Hände. „Bücher!“ Ob ich wüßte, wie viele Kisten das koste? Er ergriff die Gelegenheit zu erklaren, daß Umzüge von Pastoren und sonstigen Schreibtischwühlern die fürchterlichsten seien. „Bucher über Bucher. Haufenweise vergilbte Zeitungen. Womöglich noch Antiquitäten: verschnörkelte Lampen, Marmorbusten.“ Beim Offnen des Kleiderschranks wurde seine Miene milde. Er teilte mir die Grunderfahrung routinierter Packer mit: „Wer Bucher sammelt, hat wenig Kleider.“ Danach schritt er zur Küche. Dort harrten lediglich die Glaser der Verpackung und – „Zsst, zsst, was ist das?“ schnarrte der drohend. „Meißen, Erbgut“, erwiderte ich pflichtschuldigst.