Von Christoph Bertram

Brüssel, Ende Mai

Das Theaterstück ist zu Ende, der Vorhang gefallen, der Beifall herzlich. Nun fassen sich die Hauptdarsteller an den Händen und verneigen sich vor dem Publikum: der nicht mehr ganz jugendliche Held aus Bonn, der mit dem Ruf nach neuem Denken für Unruhe gesorgt hat; die britische Gouvernante, die auf Anstand und Sitte pochte; der Onkel aus Übersee, der in letzter Minute die Streithähne bei den Händen nahm und versöhnte. Der treue Majordomus Manfred Wörner strahlt vor Freude wie über das Happy-End.

Der nicht mehr ganz jugendliche Held ist Hans-Dietrich Genscher, Außenminister der Bundesrepublik und Garant für das politische Überleben der FDP zugleich. Als die Nato-Verbündeten Anfang 1987 – der Vertrag über die Beseitigung amerikanischer und sowjetischer Mittelstreckenraketen zeichnete sich schon ab – auf die Einführung neuer atomarer Kurzstreckenraketen drängten, hatte Genscher auf Zeit gespielt: Ein Gesamtkonzept für Rüstungskontrolle und Abrüstung müsse her, bevor überhaupt entschieden werden könne; das Bündnis müsse auch in diesem Bereich zu Verhandlungen mit dem Osten bereit sein; und im übrigen dürfe eine völlige Beseitigung aller Kurzstreckenraketen nicht ausgeschlossen werden.

Offenhalten war Genschers Devise. Wann immer die geplagten Nato-Bürokraten in Brüssel Instruktionen für die Vorbereitung des famosen Gesamtkonzeptes aus Bonn anforderten, blieben Antworten aus. Und bei den wichtigsten Verbündeten wuchs der Argwohn, den auch Kanzler Kohl nicht zerstreuen konnte, ob die Westdeutschen überhaupt noch voll und ganz zur Bündnisstrategie der atomaren Abschreckung stünden.

Die gestrenge britische Gouvernante ist Margaret Thatcher, Premierministerin in London. Auch sie drängt, wie Genscher, freilich auf ihre Art auf Veränderungen. Aber anders als der deutsche Außenminister setzt sie nicht aufs Offenhalten, sondern aufs Festklopfen: Gerade jetzt, da das Ost-West-Verhältnis in Bewegung gerate, müsse der Westen bei seiner bewährten Strategie bleiben, dozierte sie auf allen Nato-Treffen und suchte die Bundesrepublik um so enger an die Leine zu legen. Der alte Nato-Beschluß über neue Kurzstreckenwaffen müsse auf Punkt und Komma eingehalten, Verhandlungen müßten in jedem Fall vermieden werden. Der ersten Null-Lösung – der Beseitigung landgestützter Mittelstreckenraketen zwischen 1000 und 5000 Kilometer Reichweite – hatte Frau Thatcher ebenso zugestimmt wie der zweiten Null-Lösung (der Verschrottung aller Raketen zu Lande zwischen 500 und 1000 Kilometer Reichweite); eine dritte Null-Lösung jedoch – Abbau und Verbot landgestützter Kurzstreckenraketen – sei des Teufels.

Über die Gründe für Margaret Thatchers Beharrlichkeit gibt es vielerlei Vermutungen. In Bonn will mancher dahinter die Abwehr einer einstigen Weltmacht gegen den Emporkömmling Bundesrepublik sehen; nur im atomaren Bereich spielten die Briten noch eine Sonderrolle, die sie bei dieser Gelegenheit eben kräftig ausspielen wollten. Die eigentliche Erklärung ist wohl einfacher. Margaret Thatcher führt nun einmal am liebsten mit dem Kinn. Waschlappen – ob zu Hause oder jenseits des Kanals – finden vor ihr keine Gnade. Da stürzt sie sich unerschrocken in den Kampf. Und gewiß möchte sie auch dem Vetter auf der anderen Seite des Atlantiks zeigen, wo es im Bündnis langgehen solle.