Was der rheinland-pfälzische Innenminister Rudi Geil da in der Zeitung las, mißfiel ihm so sehr, daß er zur „Amtsermittlung“ schritt. Zweiundzwanzig Karlsruher Kriminalobermeister hatten Ende Februar 1988 per Anzeige ein „neues Betätigungsfeld“ gesucht, da ihnen jegliche „Zukunftsperspektive“ fehlte. Hintergrund: Ein Referentenentwurf hatte für lediglich zwei von 178 Kollegen die Beförderung zum Polizeihauptmeister vorgesehen. Manche der Beamten erwogen nun, als Werkschützer oder Sicherheitsbeauftragte in die freie Wirtschaft überzuwechseln. Denn im mittleren Dienst sahen sie sich in der Sackgasse.

„A9 m.Z.“ ist für die große Mehrheit der bundesdeutschen Polizisten das finanzielle Ziel: etwa 85 Prozent arbeiten auf die Gehaltsklasse A9 mit Zulage hin. Peter B. zum Beispiel vom Hamburger Revier 41 hat sie als 49jähriger erreicht. Als Schichtführer bekommt er ein Grundgehalt von 2718,50 Mark, darüber hinaus erhält er 816,76 Mark Ortszuschlag, 120 Mark Polizeizulage und rund 124 Mark für den Schichtdienst. Über diese insgesamt 3779,26 Mark brutto wird der Polizeihauptmeister kaum hinauskommen. Nur der höhere Dienst böte noch eine Chance, doch zu spät: Der Wechsel in die attraktive höhere Laufbahn muß vor dem dreißigsten Lebensjahr erfolgt sein.

Polizeimeister Wilfried N. aus Hamburg hat diese Aussicht noch. Er ist 25. Doch er würde sich auch über „A9 m.Z.“ freuen. Zwar verdiente er in der Ausbildung weit mehr als seine gleichaltrigen Freunde. Doch schon zweieinhalb Jahre später wurde ihm, damals neunzehn, klar, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen würden. Nun war er zwar Hauptwachtmeister bei der Bereitschaftspolizei, doch außer 300 Mark Urlaubsgeld und 13 Mark vermögenswirksamer Leistungen tat sich finanziell nicht viel: Sein Grundgehalt betrug 1305,94 Mark. Als er schließlich mit 21 Jahren zum Polizeimeister bei der Schutzpolizei avancierte, machte er einen Sprung auf ein Grundgehalt von 1652,59 Mark. Doch jetzt ist es mit den großen Sprüngen vorbei. Heute bekommt der Familienvater zu seinem A7-Grundgehalt noch 893,49 Mark Kinder- und Ortszuschlag. Mit der Polizei- und Schichtdienstzulage bringt er es auf 2790,08 Mark brutto.

Dafür nimmt der Beamte eine 39-Stunden-Woche mit Schichtdienst in Kauf, die Wochenenden wie Feiertage einschließt. Neidisch blicken viele „Schupos“, die den 24-Stunden-Tag in Schichten teilen, auf ihre Kollegen von der Kriminalpolizei. Die kommen meistens um 8.00 Uhr und gehen um 16.30 Uhr. Schutzpolizist Peter B. und sein junger Kollege Wilfried N. müssen dagegen einen kleinen Faltkalender ihrer Gewerkschaft zu Rate ziehen, um auszurechnen, ob Weihnachten, Silvester oder Ostern dieses Jahr auf der Strecke bleiben. Besonders Familienväter haben nur geringes Interesse an dem Zuschlag von 1,50 Mark pro Stunde, mit dem die Überstunden versüßt werden sollen.

Trotz allem ist ein Posten bei der Polizei begehrt. Als im Sommer 1987 der damalige Staatssekretär Peter Gauweiler 100 neue Beamte für München suchte, meldeten sich 814 Bewerber – obwohl gerade die Gesetzeshüter aus der bayerischen Hauptstadt über die horrenden Lebenshaltungskosten klagen. Verschärft hat sich der Kampf um die Stellen durch den in den vergangenen Jahren stetig gewachsenen Andrang von Abiturienten und jungen Frauen. Das hohe Anfangsgehalt und die Sicherheit im Staatsdienst sind die Anreize.

Nur 12,5 Prozent der Schutzpolizisten werden heute in den gehobenen Dienst übernommen. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) fordert, daß überdies zwanzig Prozent der gehobenen Dienststellen als „Perspektive“ für ältere Kollegen des mittleren Dienstes reserviert werden. Doch obwohl diese Laufbahn ein gutes Drittel Mehrverdienst bringt und viele glauben, daß sie zugleich weniger arbeiten müßten, schrecken offensichtlich nicht wenige vor der Veränderung zurück. Der bayerische Innenminister August Lang sah sich Ende Juli vergangenen Jahres genötigt, die Beamten der mittleren Laufbahn dazu anzuhalten, sich stärker um die Kommissarslaufbahn zu bewerben.

.Also doch alle zufrieden? Der kleine Aufstand in Karlsruhe brach am Ende jedenfalls kläglich zusammen: Statt der zwei Beförderungsstellen im Referentenentwurf ergaben sich aus dem verabschiedeten Gesetzesentwurf schließlich 53 neue Stellen für Polizeihauptmeister. „Der Vorruhestand lockt zwar viele“, bekennt ein Funktionär der GdP, „aber wer einmal bei der Polizei ist, der bleibt auch dabei.“

Claas Thomsen