Von Pauline Paul

Siebzehn Jahre war sie alt, als Marie Gouze mit dem Sohn eines Gastwirts verehelicht wurde. Daß man Marie im Backfischalter schon zur Ehefrau machte und sie bald darauf Mutter wurde, daran wird damals, 1765, in der französischen Provinzstadt Montauban wohl kaum jemand Anstoß genommen haben. Schließlich befand sich das junge Mädchen gerade im richtigen Alter, und der Mann schien eine gute Partie zu sein. Der Braut allerdings dürften bei der Entscheidung über ihr Eheglück kommerzielle Überlegungen kaum eingeleuchtet haben; denn wie Marie später bezeugte, fühlte sie sich „grundlos geopfert“ an einen Mann, für den sie keinerlei Sympathien hegte und der sich obendrein als „weder reich noch wohlgeboren“ entpuppte. Und selbst wenn Marie noch, wie so manches Bürgermädchen ihrer Zeit, vor ihrer Hochzeit von den erhabenen Ideen der Aufklärung über die Ehe geschwärmt haben sollte – ein Bund fürs Leben unter dem Banner der Liebe –, so zog sie aus ihrer Enttäuschung über ihren Mann eine weit weniger romantische Lehre: „Die Ehe ist des Vertrauens und der Liebe Grab.“ Bis an ihr Lebensende wird sie dieser Einsicht die Treue halten. Ihre unglückselige Verbindung währte nämlich nicht lange. Schon ein Jahr nach der Heirat starb ihr Gatte. Endlich konnte Marie ein eigenes Leben beginnen.

1770 zieht sie mit ihrem Sohn Pierre nach Paris und wechselt Rang und Namen. Sie nennt sich fortan Olympe de Gouges und läßt sich als eine der „schönsten Frauen von Paris“ (das Urteil eines Zeitgenossen) bewundern. Doch hat die Natur sie nicht bloß mit Schönheit gesegnet. Olympe ist auch eine Dame mit esprit und weiß sich mit Grazie in den Salons der guten Gesellschaft zu bewegen. Sogar im Haus des Prinzen Philippe, des Vetters Ludwigs XVI., soll sie empfangen worden sein. Obwohl sie als Witwe aus dem dritten Stand kaum über Rechte verfügt, gehört Olympe de Gouges zu den privilegierten Frauen. Denn wie alle sozialen Beziehungen unterlag auch die Geschlechterbeziehung im Ancien Regime einer festgefügten Hierarchie. Über das eheliche Glück entschied im Adelsstand die Tradition der Machtinteressen, und zu den Spielregeln des galanten Lebens gehörte es, die Dame des Herzens dem männlichem Stand gemäß zu placieren. In die begehrte Position einer maîtresse gelangte eine bürgerliche Frau nur höchst selten.

Olympe de Gouges indes, die zwar auf Namen und Erbe ihres eigentlichen Vaters keinerlei Ansprüche geltend machen konnte, war sich dennoch ihrer edlen Abkunft, nämlich „die Tochter ... eines lorbeerumkranzten Hauptes“ zu sein, durchaus bewußt.

Nicht der Metzger Pierre Gouze nämlich, sondern Jean Jacques Le Franc (1709-1784), der Marquis de Pompignan, Gerichtspräsident von Montauban, war ihr wahrer Vater. Dieser reiche Edelmann galt als sehr gebildeter Herr. Seine Übersetzung des Aischylos ins Franzosische wußte man in Paris zu schätzen, auch verfaßte er selbst Tragödien, und 1760 nahm ihn sogar die Académie Française als Mitglied auf. Er nun, der Olympes Mutter schon seit Kinderzeit liebte, hatte seine gesellschaftliche Stellung als Gerichtspräsident zu einer – für einen verliebten Edelmann des 18. Jahrhunderts ganz gewöhnlichen – Intrige genutzt und den Metzger Pierre Gouze, mit dem seine Geliebte standesgemäß verheiratet war, einfach auf eine Reise geschickt. So wurde Marie Olympe am 7. Mai 1748 als die rechtmäßige Tochter des Metzgers Pierre Gouze – und als natürliche Tochter des Marquise geboren. Der launische Schicksalsstern, der sie von Anbeginn außerhalb der bestehenden Ordnung stellte, sollte auch ihr späteres Leben stets zwischen die gesellschaftliche Fronten lenken.

Als Olympe de Gouges sich ein Jahrzehnt nach ihrer Ankunft in Paris von der femme galante in eine femme de lettre verwandelt hatte, führte die Marquise de Montesson (die morganatische Gattin des alten Herzogs von Orleans) die theaterbegeisterte Schriftstellerin bei der Comédie Française ein. Und so trat Olympe 1784, im Todesjahr ihres Vaters, des Marquis de Pompignan, dessen geistiges „Erbe“ an. Über vierzig Theaterstücke wird sie im Laufe ihres Lebens verfassen, Romane, kleinere literarische Abhandlungen und schließlich zahlreiche politische Pamphlete schreiben. Schon 1785 nimmt die Comédie Française ihr politisches Drama „Zamor und Mirza“ an. Hochbeglückt, aber auch sehr ungeduldig bedrängt die ambitionierte Theaterschreiberin in den folgenden Wochen die Schauspieler. Sie will ihr Stück bald auf der Bühne sehen. Es fallen heftige Worte, wütende Briefe werden gewechselt, und eines guten Tages ist das Stück ganz vom Spielplan verbannt.

Doch für die eigensinnige Olympe ist damit der Streit noch nicht beendet. Sie bittet beim Herzog von Duras, der für die Belange des Theaters zuständig ist, um eine Audienz und erhält einen abschlagigen Bescheid. Man droht ihr mit der Bastille. Nicht nur das Temperament dieser Frau, die zäh um ihre literarische Anerkennung kämpft, ist es, die den Theaterherren mißfällt. Die ganze Richtung des Stückes paßt ihnen nicht. Denn in „Zamor und Mirza“ streitet Olympe de Gouges gegen „Die Versklavung der Schwarzen“. Vier Jahre wird sie noch kämpfen müssen, ehe das Stück unter diesem Titel dann endlich im Jahr der Revolution, am 28. Dezember 1789, am Théâtre de la Nation zur Aufführung kommt. Schleunigst aber wird es wieder abgesetzt. Bei der Premiere nämlich waren kolonialistisch Gesinnte und Verfechter der Sklavenbefreiung mit geballten Fäusten aufeinander losgegangen. Als die Nationalversammlung dann im September 1791 über ein Dekret entscheidet, das die Sklaverei in Frankreich, nicht aber in den Kolonien abschaffen soll, wird sich Olympe de Gouges, nun schon bekannt als politische Publizistin, über einen derartigen Verstoß gegen die Menschenrechte empören: „Die Pflanzer üben dort (in den Kolonien) eine despotische Herrschaft über Menschen aus, deren Väter und Brüder sie sind. Sie verfolgen ihre Abstammung bis in die kleinsten Farbschattierungen, und treten die Rechte der Natur mit Füßen.“