Die Entscheidung fiel vergangene Woche vorm Bundesarbeitsgericht in Kassel. Zwei jungen Ärzten, Brigitte Ludwig und Bernd Richter, bescheinigte der Vorsitzende Richter Triebschütz, daß „subjektives Gewissen“ verfassungsrechtlichen Schutz genießt. Jede „ernstliche sittliche Entscheidung, die sich an den Kategorien von Gut und Böse“ orientiere, unterliege nicht dem Weisungsrecht. Die Ärzte hatten die Mitarbeit an einem Projekt aus Gewissensgründen verweigert, ihnen war daraufhin gekündigt worden.

Sie sind seit Jahren in der Forschung der deutschen Tochter des britischen Pharmakonzerns Beecham tätig. Dort haben Wissenschaftler eine Substanz gegen unstillbares Erbrechen entwickelt: Im Tierexperiment und an einer kleinen Zahl von freiwilligen Versuchspersonen fanden sie heraus; daß sogenannte 5-HT-3-Antagonisten sehr wirkungsvoll und fast nebenwirkungsfrei sind. Nun sollte eine weitere Überprüfung vorgenommen werden – und zwar im Institut für klinische Pharmakologie von Beecham-Wülfing in Neuss, wo Brigitte Ludwig und Bernd Richter arbeiteten. Die beiden wurden vom Institutsleiter Wolfgang Greb mit dieser Aufgabe betraut.

Am 9. April 1987 aber erfuhr Brigitte Ludwig bei einer Besprechung am Konzernsitz in Harlow, Essex, daß sich für BRL 43694 – die interne Kurzbezeichnung für 5-HT-3-Antagonisten – auch die britische Royal Navy interessiert. So wird in dem internen Papier „Decision A“ darauf hingewiesen, daß BRL 43694 auch für Nato-Soldaten eingesetzt werden könne, die in einem Nuklearkrieg einer hohen Röntgenbestrahlung ausgesetzt seien. Hier bestünden große Marktchancen.

Diese mögliche Anwendung brachte die Ärzte in einen Gewissenskonflikt. Forschungsleiter Wolfgang Greb widersprach ihnen, BRL 43694 werde nicht wegen der militärischen Einsatzmöglichkeit von Beecham entwickelt: „Das primäre Anwendungsgebiet für den Rezeptor-Antagonisten ist die Behandlung von unstillbarem Erbrechen bei Migräne und vor allem bei der Chemotherapie bösartiger Erkrankungen.“

Hier liegt gewiß die überschaubare Hauptindikation für BRL 43694. Die Chemotherapie von Lungenkrebs, Eierstock- und Brustkrebs ist leider oft nur mäßig erfolgreich, aber sie bewirkt doch auch sogenannte Remissionen, die Krebskrankheit schreitet nicht weiter vor. Das Problem einer wirksamen Chemotherapie ist aber das mit ihr verbundene unstillbare Erbrechen. Die Kranken werden davon entsetzlich gequält, oft geben sie deshalb die Chemotherapie auf. Pilotstudien in England und der Schweiz zeigten gute Ergebnisse, auch Krebsforscher vom amerikanischen National Cancer Institute forderten die Einführung von BRL 43694. Auch bei uns wird dieses Medikament in Kürze angemeldet werden.

Den beiden Ärzten aber wurde fristgerecht gekündigt. Ihre Kündigungsschutzklage wurde zunächst vom Arbeitsgericht in Neuss und vom Landesarbeitsgericht in Düsseldorf verworfen. Erst jetzt in Kassel erkannten die Bundesarbeitsrichter ihre Gewissensgründe an. Einen Arbeitsplatz aber haben sie trotzdem nicht. Denn Beecham-Wülfing kann nach Aussagen von Wolfgang Greb einen anderen nicht zur Verfügung stellen. Nun soll das Landesarbeitsgericht in Düsseldorf darüber entscheiden.

Die Ärzte werden in ihrer Gewissensentscheidung von der deutschen Sektion der „Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges e.V.“ (IPPNW) unterstützt. Jörn Heher, der Sprecher des Verbandes, lobt seine beiden Kollegen: Trotz Anfeindung und großer persönlicher Opfer hätten sie sich um die Verhütung eines Atomkrieges verdient gemacht.