Von Joachim Fritz-Vannahme

Der junge Priester Charles Moulin las mit bleichem Gesicht die Messe – in Latein. Nur einmal wählte er auf der Kanzel der winzigen Nizzaer Klosterkirche Saint-Joseph seine Muttersprache: Als er sich dafür zu rechtfertigen suchte, daß er den Kriegsverbrecher Paul Touvier wochenlang unter seinem Dach versteckt hatte, bis ihn die Gendarmen in der vergangenen Woche dort verhafteten. Am Ende einer über vierzigjährigen Flucht hatte den einst berüchtigten Chef der Miliz von Lyon, den Kollaborateur der Gestapo und Zuarbeiter Klaus Barbies, nur noch ein Häuflein katholischer Traditionalisten geschützt. Zu Anfang jedoch waren es Männer des hohen Klerus gewesen, wie Monseigneur Charles Duquaire, während und nach dem Krieg Privatsekretär von Kardinal Gerlier, dem Erzbischof von Lyon und Primas der katholischen Kirche Frankreichs.

Nur zwei Jahre nach dem Prozeß gegen Klaus Barbie wird Frankreich erneut mit seinen "schwarzen Jahren" konfrontiert, der Zeit zwischen 1940 und 1944, zwischen Kapitulation und Liberation. Mit dem Fall Touvier wird jetzt auch der Fall der katholischen Kirche in jener Zeit aufgerollt – ihr Verhältnis zum Vichy-Regime des Marschall Pétain und zu den deutschen Besatzern; ihr Verhalten während der Judendeportationen nach 1942; ihre Hilfe für gejagte Kollaborateure wie Touvier nach der Befreiung Frankreichs.

Monsieur Paul, 1945 und 1947 in Abwesenheit zum Tode verurteilt, floh jahrzehntelang von Kloster zu Kloster, von Sakristei zu Sakristei. Im kirchlichen Untergrund traute ihn 1947 ein Priester mit Monique Berthet: der Bräutigam "ein Katholik und ein Franzose, wie schon mein Vater einer war" (Touvier), die Braut erzogen von frommen Schwestern. Monsieur Paul, alias Berthet, Lacroix, Albert Gaillard, führte als Postadresse zeitweilig 1, Place de Fourvière, Lyon – die Anschrift des erzbischöflichen Amtssitzes. Hoch über Grenoble verbarg er sich später mit Frau und zwei Kindern im berühmten, vielbesuchten Kloster der Grande Chartreuse: Auf der Gehaltsliste der geistlichen Likörbrenner stand über dem Namen des Gesuchten der Wahlspruch der Mönche Stat Crux dum volvitur orbis – Das Kreuz steht, während die Welt sich weiterdreht.

Unverrückbar standen viele Geistliche zu Touvier: Allmählich geriet draußen in der Welt sein Fall in Vergessenheit. Die Todesurteile verjährten 1967. Touvier konnte es wagen, im savoyischen Bergland in aller Stille wieder aufzutauchen. Noch freilich fehlten ihm sein konfiszierter Besitz und vor allem das Aufenthaltsrecht, das ihm entzogen blieb. Wieder halfen einflußreiche Männer der Kirche. Duquaire, damals im Vatikan tätig, schrieb einen Bittbrief an Präsident Georges Pompidou. Der entschloß sich 1971 zur Begnadigung und machte das im Folgejahr publik. Wütend protestierten Widerstandskämpfer und jüdische Organisationen: Der fast vergessene Fall Touvier wurde zum nationalen Skandal.

"Ist nicht der Augenblick gekommen, den Schleier über all das zu werfen?" fragte Pompidou, der selbst wie die meisten Franzosen unter der Okkupation weder mit offenem Widerstand noch mit Kollaboration etwas im Sinn hatte. Im selben Jahr 1972 ließ er im französischen Staatsfernsehen die Ausstrahlung von Marcel Ophüls’ "Le chagrin et la pitié" verbieten, eine unerbittliche Chronik über das Clermont-Ferrand der "schwarzen Jahre", mit Erinnerungen von Petainisten und Gaullisten, Kollaborateuren und Widerstandskämpfern und den vielen, vielen, die einst wie Pompidou nur abgewartet hatten. Im selben Augenblick, da mit de Gaulle die Legende des Widerstands sich aus der Politik zurückzog, verbot sein Nachfolger die Wahrheit über die Kollaboration und begnadigte einen Kollaborateur. Pompidou war nur der Nachfolger des Gründers der V. Republik – nicht aber Erbe des Befreiers von Frankreich. Die Welt der résistants blieb ihm fremd und er in ihr ein Fremder. Der Präsident predigte Vergessen, doch viele Franzosen wollten das nicht.

Der Fall Touvier wurde neu aufgerollt. Nach der Verjährung diente nun das Gesetz über Verbrechen gegen die Menschheit als Rechtsgrundlage – genau wie im Fall Barbie; genau wie später im Fall von Leguay, der als Präfekt für Judendeportationen verantwortlich war, oder im Fall von Papon, ebenfalls Mitorganisator von Deportationen und später unter Valéry Giscard d’Estaing Staatssekretär. Anders als Barbie und Touvier tauchten diese beiden aber nicht unter, sondern erwarben sich im Nachkriegsfrankreich neues "Ansehen"; bis heute konnten sie einem Verfahren immer wieder ausweichen. Im Fall Touvier zerriß Pompidous Gnadenakt den Schleier über den schwarzen Jahren erneut. Monsieur Paul mußte sich wieder im Schatten der Soutane verstecken.