Von Jürg Laederach

Carruther McDaid ist ein Mann, den ich eines Nachts erschuf, als ich neun Stout geschluckt hatte und mich vage blasphemisch fühlte.

(Flann O’Brien, gegen Ende von

"In Schwimmen-zwei-Vogel")

Der Mythos wird von jedem, der da schreibt, neu bedient. Irische Autoren stehen am Rande Europas und brauchen sich um nichts zu kümmern. Bis Amerika bringen sie’s nicht, es sei denn, sie wandern aus. Sie tun es ungern, aber umfassend. Dann sind sie Iren im Exil. Der Geist der Insel ist groß, der Geist der Inselbewohner ist klein, über den Rand der Insel fällt man ins Meer. Das Exil liegt meist in Großbritannien, manchmal in Europa. Sie lieben und hassen den Nebel. In der Fremde erreichen die Iren ihre höchste Gefährlichkeit. Es braucht gar nicht den Beamten der Zürcher Fremdenpolizei, der sich während des Kriegs (am 7. November 1940) beim Präsidenten des Schweizerischen Schriftsteller-Vereins erkundigt, ob ein gewisser James Joyce, bei dem gespannten Arbeitsmarkt, nach seiner Einwanderung nicht die Schweizer Schriftsteller ungehörig "tangieren bzw. konkurrenzieren" werde. O-Ton: "... ob die Tätigkeit des Rubrikaten zu einer Bereicherung der schweizerischen Literatur beitragen würde." Der Beamte, ein Kleinstaat-Kriminalist von Schrot und Korn, war der Weltmacht der Iren begegnet.

James Joyce hätte es zu Hause kampflos haben können: Die Iren nahmen nicht am Krieg teil. Sie sind das friedlichste Volk überhaupt. Auch das stimmt wieder nicht. Sie hassen die Engländer, welchen sie nicht beizustehen wünschten. Daran, daß bei den Iren nichts stimmt, ist – stimmt auch nicht – der Alkohol schuld. Will sagen, der Alkohol ist die Folge. Zunächst, dies müssen wir auseinanderhalten, ist er eine Industrie, und seine Herstellung sichert Arbeitsplätze. Der bescheidene Verdienst eines Angestellten der Alkoholindustrie fließt gleich wieder ins Produkt. Darum sind die Iren arm. Wenn jemand diese Folgerungen falsch findet, sage er einfach: "Nein, Armut ist die Ursache, und der Alkohol kommt später."

Die irische Logik wiederum ist eine angenehme Folge des dunkelbraunen 14prozentigen oder des goldgelben 48prozentigen Brau-Produktes. Gewiß; alles richtig, nur: Die irische Logik ist unangenehm. Das kann nach allem Vorangegangenen niemanden mehr wundern.