Jede Muskelfaser schmerzt, auch im Wiegetritt vermag ich die Pedalen kaum noch herunterzutreten. Die Mütze tief ins Gesicht gezogen, um wenigstens etwas Schutz vor dem schneidenden Bergwind zu finden, kämpfe ich mich durch das Schneetreiben den Paß hinauf. Sechzehn Prozent Steigung, noch dazu bei dieser Eiseskälte, saugen mir die letzte Kraft aus den Knochen. „Bufera del Gavia“ (Sturm am Gavia) und „Neve sul Gavia, gelo e drammi in Discesa“ (Schnee am Gavia, Eis und Dramen bei der Zielabfahrt) werden die Schlagzeilen des nächsten Tages lauten.

Als ich im Jahr zuvor bei diesem legendären Etappenrennen die Speichen in der Sonne blitzen sah, hatte mich das Giro-Fieber gepackt: Ich wollte auch einmal selbst dabeisein, die Atmosphäre des Giro d’Italia nicht nur als Zuschauer schnuppern. Mit bis zu siebenstündigen Tagestouren habe ich mir dann zu Hause die nötige Form angestrampelt. Und um die Leistungen der zähen Radprofis besser beurteilen zu können, habe ich mir mit der vierzehnten Etappe gleich die härteste Bergstrecke herausgesucht.

Dort, am 2621 Meter hohen Passo di Gavia, versuche ich nun, es den corridori, den Rennfahrern, gleichzutun. Am selben Tag wie sie nehme ich die tappa indicimenticabile, die unvergeßliche Strecke, unter die schmalen Rennreifen. Denn spätestens zwei Stunden vor Eintreffen der Profis werden die Straßen für den Autoverkehr gesperrt, Radfahrer jedoch dürfen weiterrollen – eine einmalige Gelegenheit, den Paß ohne lärmende Motoren und Autoabgase heraufzufahren.

Dennoch: Intensives Training ist eine Sache, der Gavia eine andere. Ich mag nicht mehr nach oben sehen, der Wille läßt nach. Den Blick nach unten auf die mühsam arbeitenden Beine gerichtet, schraube ich mich langsam immer höher. Die Sicht den Berg hinauf, wo die Straße scheinbar endlos im Nebel verschwindet, macht mutlos. Starr nach unten geschaut, läuft es noch am besten.

Die ablehnende Haltung der Profis und die pessimistische Atmosphäre vor der Etappe waren schon Tage vorher in Interviews deutlich geworden: Die Giro-Fahrer äußerten ihre Sorgen über den Zustand des Passo di Gavia. Und nun hatte der Temperatursturz über Nacht alles noch viel schlimmer gemacht. Unvorstellbar für den, der am Tag zuvor bei wärmstem Leistungswetter über den Passo San Marco in die Lombardei eingerollt war. Welch ein Umschwung von der drückenden Hitze zu der nun herrschenden Kälte, der Nässe und den nebelverhangenen Bergen des Gavia.

Die letzten neuneinhalb Kilometer der Bergstrecke mit ihren 1100 Metern Höhenunterschied haben es gewaltig in sich. Der kräftige Regen, der uns schon im Tal das Gesicht massiert, hat die Naturstraße aufgeweicht und den festen Erdboden in bremsenden Schlamm verwandelt. Denn der Paß ist nicht durchgehend geteert; nach dem Bergrutsch im Veltlin bei Bormio, als die Straße verschüttet war, ist er nur notdürftig ausgebessert worden. Daß auf den verbleibenden vier Kilometer Piste der Südrampe auch noch die stärkste Steigung herrscht, kann ich nur noch mit Galgenhumor nehmen.

Der Regen wandelt sich ab 1500 Metern Höhe zu Schneeregen. Als dann auch noch fünf Zentimeter Schnee auf der aufgeweichten Piste liegen, geht nichts mehr. Das Hinterrad rutscht durch, das Fahrrad steht auf der Stelle. Kurz vor dem unvermeidlichen Sturz kann ich die Füße lösen und absteigen. Jetzt hilft nur noch Schieben. Im Tal hatte ich mir Mütze und dicke Handschuhe in die Trikottaschen gestopft – nun habe ich sie bitter nötig. Nach hundert Metern endlich Teer, die Reifen greifen wieder. Dafür wird der Schnee höher und der Wind stärker. Wenn es der Boden und meine schwindenden Kräfte zulassen, beschleunige ich, um dann mit Schwung die besonders vereisten Stellen durchrollen zu können. Die anfeuernden „corraggio“-Rufe der wartenden Zuschauer, nur Mut, ermuntern mich zum Durchhalten.