Kinderliteratur aus der DDR: Wer kennt sie hier? Einige wenige Namen sind geläufig: Hacks, Fühmann, Pludra... Aber wer kennt die anderen der immerhin 250 Autoren, die in Dresden, Berlin oder Leipzig Gewicht haben?

Ja, es gibt ein paar Einzeltitel, die hier in Lizenz erschienen sind, es gibt Heidtmanns sehr gute Anthologie „Bitterfisch“ (1982 bei Signal veröffentlicht), es gibt immer mal wieder versprengt kleinere Texte in größerem Zusammenhang. Aber gemessen an der Vielzahl hervorragender Autoren gibt es zuwenig. Kinderliteratur hat in der DDR größere und andere Bedeutung als bei uns. Sie ist Instrument der Erziehung, auch – und vor allem – gesellschaftspolitischer Erziehung.

Lesen in der DDR: Bücher sind keine Prestigeware, Bücher kosten weniger, Bücher sind Gebrauchsartikel. (Ein Schulkind in der DDR liest im Jahr durchschnittlich sechzig bis achtzig Bücher!) Lesen jenseits der Elbe wird nicht platt als Thrill, Amüsement, Zeitvertreib angesehen, sondern vor allem als Information. Lesen soll Lesern das Bewußtsein erweitern. So blödsinnige Werbesprüche wie „Frisches Blut für zwei Millionen Vampir-Fans“ oder „Lesen macht glücklich“ wären in der DDR wohl undenkbar.

Einer der Gründe, weshalb DDR-Kinderliteratur (mit Ausnahmen) so seltsam unbekannt ist, unbekannter als die aus den USA, Schweden, England oder Frankreich, mag sein, daß bei uns (immer noch!) der alte Soupçon besteht, Kinderliteratur sei dort ideologisch manipuliert, auf Funktionen reduziert, mit Kunstdoktrinen durchsetzt, sozialistisch konform.

Zeit für eine Entkrampfung, Zeit für Begegnung, Zeit vor allem für Dialog. Die Ausstellung „Bücher und Bilder“ soll dazu einen ersten Beitrag liefern. In Zusammenarbeit mit der Kulturbehörde Hamburg, dem Schriftstellerverband der DDR, der Deutschen Staatsbibliothek Berlin und dem Institut für Kultur- und Medienforschung zeigt die Katholische Akademie in Hamburg 1100 Kinderbücher und 200 Original-Graphiken zeitgenössischer DDR-Literatur.

In einem begleitenden Kolloquium am 5. und 6. Juni in der Akademie werden neue Tendenzen der Kinderliteratur beschrieben, diskutiert, das Verhältnis von Buch und Medien analysiert, das Bild der Familie in der DDR-Literatur untersucht. Zwei Tage deutsch-deutschen Literaturgesprächs. Als Referenten und Gäste aus der DDR: Dr. Steffen Peitsch, Dr. Hannes Hüttner, Professor Emmrich, Peter Abraham, Günter Görlich, Alice Hartmann, Hannelore Hilzheimer, Gerhard Holtz-Baumert, Claudia Rouvel, Heinz Wegehaupt. Aus ihren Büchern werden Peter Abraham, Gerhard Holtz-Baumert und Uwe Kant lesen. Daß eine solche Begegnung stattfindet, ist Verdienst und kluge Initiative von Günter Gorschenek, dem Direktor der Katholischen Akademie in Hamburg. Es gibt einen begleitenden, inhaltsreichen Katalog mit vorzüglichen Beiträgen, aus denen jedermann ablesen kann: Die DDR-Kinderliteratur der ausgehenden achtziger Jahre hat die Enge des Anfangs verloren. „Literatur ist nicht Lehre“, so Hannes Hüttner, „sondern Spiel, ästhetisches Vergnügen, Angebot.“ Und Benno Pludra, wohl bekanntester und profiliertester Kinderbuchautor der DDR, resümiert lapidar: „Kunst darf alles.“ Große Gefühle solle Literatur nicht meiden, doch sorgsam damit umgehen und sie nicht für jeden Rundstrickautomaten rufen. Knapper, kürzer kann man den Wandel nicht beschreiben: „Kunst darf alles.“

Das heißt keineswegs, Standpunkte aufzugeben. Darum wird das Hamburger Literatur-Gespräch kein Verschleiern und künstliches Harmonisieren ideologischer Meinungsverschiedenheiten bedeuten. Wichtig aber: Die Zeit törichter Fixierung auf Feindbilder ist vorbei. Hier wie dort. Literatur kennt nur einen tatsächlichen Feind: die Zensur. Es wird Gespräche geben, Diskussionen. Zuhören heißt verstehen. Verstehen heißt tolerieren. Im Mai 87 hat Christa Wolf in einer Rede gesagt, Frieden auf Dauer bedeute Konfliktfähigkeit, das Gespräch mit Andersdenkenden und Minderheiten.