Von Elke von Radziewsky

Klick, macht der kleine Plastikfernseher. Hallo, ruft’s vom Dach der neubarocken Hamburger Villa am Leinpfadkanal. Noch mal Klick und Tausendsassa Nam June Paik blinzelt über die Ränder seiner Videobrille. Klick, Klick, Klick, Paiks Video-Skulpturen "Onkel", "Tante" und seine Video-Arche-Noah zu Hamburgs Hafengeburtstag huschen vorbei. Klick, jeden Donnerstag von elf bis zweiundzwanzig Uhr, im "Weißen Haus".

Eine neue Galerie, eingerichtet von Hamburgs liebstem Jungunternehmer, Thomas Wegner, Chef der seit Jahren expandierenden "Schaulandt"-Kette, da stimmen von vornherein Standort, Marketing (Kataloge gibt es medienspezifisch als Selfmade-Videobildkassette) und Idee. Deutschlands erster Ausstellungsraum für Video-, Klang- und Lichtkunst, ein Traum für Technikfreaks, ausgerüstet mit 21 U-Matic-Recordern, mit 17 Videobodenausgängen und professioneller Tonausstattung. Billig sind die elektronischen Künste nicht gerade zu haben.

Doch weiter, der ganze Ort ist luxuriös designt und eingerichtet. Marmorne Böden, marmorne Doppelsäulen, Kreuzgewölbe, mal weiß getüncht, mal roher Putz: der Hausherr liebt Kontraste. Eine Art Wintergarten ist bühnenreif in einen antikisierenden Bankettsaal verwandelt. Die granitene Tischplatte in schlankem Oval läßt sich in den Boden fahren, an den Wänden silberschwarz als Fackeln stilisierte Lampen, oben wölbt sich grau die Decke. Garderobe, Bistro, Informationstheke, überall reduziertes Design, viel Stahl und rohes Holz, gerade eckige Formen. Alles neo-geoschlicht, aber teuer. Im ersten Stock hohe Rundbogentüren, plan von oben bis unten, ohne jede Verzierung. Kupfer stößt hier auf Eisen, Gold auf Nickel, die Türhälften, das ist der Clou, bestehen aus entgegengesetzten chemischen Elementen. Verborgen hinter einem dieser alchimistischen Portale ein heidnisches Sanktuarium mit einer Installation von Ulrike Rosenbach, "Schmelzprozesse", doch hier wird es schon privat, auf der Empore davor steht ein Art-Deco-Klavier.

Coole Atmosphäre im ganzen Haus, halb antikisierend, halb barock, sauber, sauber und leise mystifizierend. Fluxus war das Gegenteil hiervon. Doch die Zeiten wandeln sich und Nam June Paik ist, will es sein, ein Chamäleon. Was zählt, ist die Botschaft: Video – "So wie die Collage-Technik die Ölmalerei ersetzt hat, so wird die Kathodenstrahlenröhre die Leinwand ersetzen. Eines Tages werden Künstler mit Kondensator, Widerständen und Halbleitern arbeiten, so wie sie heute mit Pinsel, Violinen und Abfall arbeiten." Welcher Video-Star hätte Thomas Wegner besser aus der Seele reden können. "Onkel" und "Tante", Arbeiten aus Fernsehgeräten vor allem der vierziger Jahre, Lautsprechern und Antennen als tentakelgleichen Armen, Mitglieder der großen Video-Robot-Familie namens Paik fühlen sich hier sichtlich wohl. Ein Video-Kronleuchter, vielteiliges Gehänge aus elektrischem Kabelwirrwarr und Kleinbildfernsehern, ziert die zweistockhohe Diele. Und zum achthundertjährigen Hafengeburtstag entwarf Nam June Paik eine Arche Noah, die schon auf ihrem Berg gelandet ist. Hamburger Alsterkanalwasser auf Fernsehschirmen netzt nicht einmal mehr den Kiel. Sicher ist die Last aus buntem Pappmache-Getier, Video-Kulturzeugnissen und Bildern aus dem Hamburger Hafen über den Fluten geborgen. Eine Idee wie aus einem Karnevalsumzug, eine hübsche Geste voll sinniger Anspielungen.

Dumping-Preise und Erlebniskauf, damit ist Hifi-Spezialist Thomas Wegner groß geworden. Er kennt die Erfolgsrezepte. Corporate Identity, anderen Firmenbesitzern mühsam beizubringen, er hat’s im Blut. Man kennt ihn in Hamburg als profilierten Streiter für die alternative Kunstszene, für die Kampnagelfabrik, als Stifter einer Phonothek in der Kunsthalle, als Organisator von Wasserorgel-Konzerten in "Planten un Blomen", einer akustischen Aktion im Elbtunnel und tropischen Inszenierungen im Botanischen Garten, als Spender in Kulturdingen. Doch er ist’s müde. Zwei- bis dreihundert Anfragen für Unterstützung in Kunstdingen gehen mittlerweile jährlich bei dem smarten Gesellschaftsbären ein. Davon will er weg. Heute ist Kunst wieder Lebensstil, die Galerie neu nicht nur als Raum für Medienkunst, neu auch als Typ: ein jeden Donnerstag geöffneter Salon alt-neuer Weise mit feinschmeckerischer Naturgourmet-Kost. Sieben Mark Eintritt heißt das Losungswort. (Heilwigstraße 52, Ausstellung Paik bis zum 31. August)