Von Volker Hage

Fronleichnam in Freiburg: vor den geöffneten Fenstern des Hotels „Schwarzwälderhof“ zieht die Prozession vorbei, Musik hallt durch die engen Gassen. Blauer Himmel. Die Sonne scheint schon seit Tagen ganz prächtig auf das adrette Städtchen im Breisgau. Es ist Sommer, Sommer in Deutschland. Weizsäcker ist gerade erneut zum Bundespräsidenten gewählt worden – im vierzigsten Jahr der Republik, fünfzig Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

Jahrzehnte, ein halbes Jahrhundert: Das alles verliert im Gespräch plötzlich seine Gedenktags-Mechanik. Savion Liebrecht, die zierliche, schwarzhaarige Frau mit den dunklen Augen, erzählt mir von ihren Eltern, erzählt vom Schweigen. Sie wurde 1948 in München geboren; ihre Eltern, beide Überlebende deutscher Vernichtungslager, gingen mit ihr aus Deutschland fort, bevor sie ein Jahr alt war. Heute lebt Savion Liebrecht in Tel Aviv. „Der Gedanke, Schriftstellerin zu werden“, sagt sie, „kam mir, als ich bei der Armee diente.“ Sie hat die Armeezeit in einem Kibbuz verbracht. Es dauerte dann noch eine ganze Weile, bis – 1986 – ihr erster Band mit Erzählungen in Israel erschien, ein zweiter folgte im vergangenen Jahr. Savion Liebrecht schreibt hebräisch; in anderen Sprachen gibt es ihre Bücher bisher nicht. Wir unterhalten uns englisch, die deutsche Sprache ist ihr fremd.

Bronsteins Kinder in Israel – so könnte man einen Romantitel des ebenfalls in Freiburg anwesenden Jurek Becker abwandeln: Die Nachkommen der Opfer haben – wie die der Täter – das Schweigen der Elterngeneration über den deutschen Völkermord erfahren. „Aber dieses Schweigen war durchlässig“, sagt Savion Liebrecht. „Es ist erstaunlich, wieviel man versteht, ohne daß geredet wird.“ Sie hat vieles erahnt, kennt aber zum Beispiel nicht die genauen Stationen des Leidensweges ihrer Eltern; sie hat nie gefragt, und die Eltern haben nie von sich aus darüber gesprochen.

Mit einer Ausnahme – und es ist der Schriftstellerin anzumerken, wie aufgewühlt sie noch von dem kurz zurückliegenden Erlebnis ist: Zehn Tage vor ihrer Ankunft in Freiburg hat sie mit den Eltern Treblinka besucht; dort begann der Vater unvermittelt zu sprechen – und zwar in polnischer Sprache, die die Tochter nicht versteht, in der er sich selbst seit Jahrzehnten nicht mehr ausgedrückt hatte. „Vater – Hebräisch, bitte!“ forderte sie ihn immer wieder auf. Vergebens: ein paar Worte Hebräisch, schon sprach der alte Mann weiter auf Polnisch. Schließlich habe sie ihn nicht mehr unterbrochen, erzählt die Tochter. Sie nahm es hin: Zum ersten Mal redete ihr Vater von jenen Erlebnissen, die mehr als vierzig Jahre zurückliegen – und sie konnte ihn nicht verstehen!

Ihr Prosastück „Kahlschlag“ – Savion Liebrecht trug in Freiburg auf einer öffentlichen Veranstaltung den Anfang in hebräischer Sprache vor, Hans Joachim Schädlich las anschließend den kompletten Text in deutscher Übertragung – erzählt die Geschichte eines kleinen jüdischen Mädchens aus dem heutigen Israel, das aus dem Kindergarten mit einem Zettel nach Hause kommt. Die Eltern sind nicht da. Die Großmutter liest die Nachricht und sehen dem Kind die langen blonden Haare vom Kopf. Die Alte beruhigt das Mädchen damit, daß man nun einmal keine andere Wahl habe. Das entsetzte Gesicht des bald eintreffenden Vaters läßt für das kleine Mädchen eine Welt zusammenbrechen: Der Kahlscheren wäre nicht nötig gewesen. Der Zettel sei nichts als eine Routinemitteilung des Kindergartens, erklärt der Vater der alten Frau, seiner Mutter: Läuse seien längst kein Grund zur Aufregung mehr.

Die Ehefrau kommt nach Hause und verlangt von ihrem Mann, die Schwiegermutter aus dem Haus zu werfen – zumal als sie erfährt, daß die Alte der kahlgeschorenen Kleinen zur Begründung der Prozedur Erinnerungen aus deutschen Vernichtungslagern aufgetischt hat. „Das muß ein vierjähriges Mädchen zu hören kriegen?“ fährt die Mutter des Mädchens ihren Ehemann an. „Ist das eine passende Geschichte für dieses Alter, frag ich dich? Ich möchte, daß meine Tochter von Cinderella erzählt und nicht von Auschwitz!“