Wir wissen es ja – die Welt des Tourismus strahlt heil und himmelblau. Keine düstere Wolke schiebt sich vor die Sonne, keine vielbefahrene Schnellstraße schlägt eine Schneise mitten durch den Ferienort, kein Discogedröhn reißt uns nachts aus dem Schlaf. Die Dörfchen und Städtchen haben sich ihren ursprünglichen Charme bewahrt, von den dunkelwaldigen Hügeln grüßen die Kirchlein, Kneipen sind allemal urig und Märkte typisch. Kein Schatten trübt die Urlaubsidylle.

So nimmt es denn wunder, daß gerade eine Ferienregion, die seit Jahrzehnten vom Nimbus des südlich-sonnigen Paradieses umglänzt wird, eine Broschüre herausgibt, die "gewisse Schattenseiten unseres Sonnenkantons zur Kenntnis bringen" will – ausgerechnet das Tessin.

Der Leser reibt sich die Augen, da steht doch wahrhaftig vom Wetter geschrieben, es sei "unberechenbar und manchmal launenhaft", und überdies könne es vorkommen, daß es "anhaltend und ausgiebig regnet". Da traut sich der Tessiner Tourismusverein kundzutun, daß man sich im dichten Verkehrsnetz nicht nur verirren, sondern auch darin steckenbleiben kann. Und wer darob aufs Auto verzichtet, dem dräut, daß er "durch die mangelhafte Koordination zwischen den einzelnen Verkehrsmitteln lange Waretezeiten" in Kauf nehmen muß. Bevor der Urlauber, so gewarnt, in die Mietdroschke steigt, sollte er sich die nächste Mahnung vor Augen halten: "Tessiner Taxi: ein teurer Spaß für die Touristen."

An allem wagen die Kritikaster zu kratzen, selbst an den Feriengästen so lieben und werten Dingen wie Folklore und Souvenirs. Die Rückkehr zum alten, heißt es, werde wie andernorts auch, vielfach dem Geschäfts- und Konsumdenken untergeordnet, und die ach so typische Keramik vom Markt könne sich vielleicht als made in Ticino-Hongkong entpuppen.

Dem Urlauber wird kaum etwas zu mäkeln bleiben, denn schwarz auf weiß wird er schon vorab informiert, daß er an der Einheitsküche nicht ganz unschuldig sei, daß nicht alle Hotels als ausgesprochen kinderfreundlich gelten und die angegrauten Nachtschwärmer für ihr Vergnügen einiges hinblättern müßten.

Selbst mit sich selbst gehen die Verkehrsvereine hart ins Gericht. Erbarmungslos prangern sie an, daß die Markierung der Wanderwege "an manchen Orten noch sehr mangelhaft" sei, daß Schilder oft fehlen oder "keine klaren Hinweise" geben, Wandern also "einen kleinen Rest Abenteuer" berge. Schließlich räumen sie sogar ein, daß sie zwar gern gute Ratschläge erteilen, aber daß die Verkehrsbüros am Freitagabend oder spätestens Samstagmittag ihre Schalter dichtmachen.

Soviel Ehrlichkeit verblüfft nicht nur, sie verdient auch Lob. Was wir hiermit erteilen: Tapfer, Tessin, ein gutes Vorbild! Monika Putschögl