Erich Mühsam als Autor für junge Leser? Der 1878 in Berlin geborene Verfasser sozial-revolutionärer Essays, satirischer Verse fürs Kabarett, aufklärerischer Arbeiter-Dramen auf einer Kinder- und Jugendbuch-Seite und in einem "Literaturmagazin" des Rundfunks, das Empfehlungen für angehende Leser gibt? Die Antwort kann in dieser von nationalistischen Parolen wieder dröhnenden Zeit nur sein: Ja. Der politische Publizist, der für eine gewaltfreie Welt kämpfte und einen utopischen Anarchismus nicht nur predigte, sondern auch lebte, hat gerade jungen Menschen etwas zu sagen. Der Achtzehnjährige, der "wegen sozialdemokratischer Umtriebe" vom Lübecker Gymnasium gefeuert wurde, der arbeits- und mittellose Mann mit wirrem Haar und rotem Vollbart, der sich gewöhnlich schwarz kleidete und sich in seinem berühmten "Lumpenlied" so vorstellt: "Kein Schlips am Hals, kein Geld im Sack. / Wir sind ein schäbiges Lumpenpack, / Auf das der Bürger speit..." – dieser Bürgerschreck war in Wahrheit ein sanfter Menschenfreund, der das Recht hatte, einen Brief aus dem Jahr 1904 zu unterzeichnen als "Erich Mühsam der Herzensgütige". Ernst Niekisch erinnerte sich an die geradezu selbstzerstörerische "Opferwilligkeit" dieses Schreibtisch-Menschen, der im Versammlungsraum, bei Demonstrationen auf der Straße zu einem glühenden Volksredner werden konnte, der die Massen begeisterte. Mühsam, so erinnert sich Niekisch, "hatte eine Vorliebe für Vorbestrafte. Er hielt sie nicht für schlecht, sondern nur für Opfer der Gesellschaft. Nie hatte er Geld, aber er verschenkte das letzte, was er besaß."

"Angst ist das Leben und Beschwerde; / der Mensch, er sitzt am Schmerzensherde": Dies war das Grundgefühl des Apothekersohnes Erich, der von seinem jüdischen Vater wie nur je von einem preußisch-deutschnationalen Erziehungsberechtigten mit dem Rohrstock geprügelt wurde. Aber schon im Elternhaus, dann in der Schule hat er gelernt, daß man manches nicht lernen soll. So heißt es in dem Gedicht "Der Gefangene": "Ich hab’s mein Lebtag nicht gelernt, / mich fremdem Zwang zu fügen .../ Doch ob sie mich erschlügen: / Sich fügen heißt lügen."

Weil er sich nicht gefügt, sondern gegen den Krieg gekämpft hat, steckte ihn das wilhelminische Kaiserreich ins Gefängnis. Weil er glaubte, seine Ideale von Pazifismus und Anarchismus in der Münchner Räterepublik verwirklichen zu können, wurde er von der Justiz der Weimarer Republik zu fünfzehn Jahren Festungshaft verurteilt, von denen er sechs Jahre absitzen mußte. Doch obwohl er reimte: "Was kann ich armer Mensch dafür, / daß ich ein Irrtum Gottes bin?", resignierte er nie und gab auch in Momenten der Verzweiflung Gedanken an Lebensflucht kein Recht: "Aber zu der Schießpistole / Greife ich noch lange nicht." Als Motto könnte über dem tapferen Leben dieses zarten Kämpfers stehen diese Zeile aus einem Gedicht: "Trotz allem Mensch sein. Mensch bei allem bleiben."

Sein Werk ist noch immer so brisant, daß es zwar manch verstreute Einzelausgaben, aber keine Edition gibt, die den Mann in seiner widerspruchsvollen Fülle präsentiert. Da leistet das "Satirische Lesebuch", das Wolfgang Teichmann im Ost-Berliner Eulenspiegel Verlag herausgegeben hat unter dem Titel "Zur Psychologie "der Erbtante" gute Dienste. Der 372 Seiten umfassende Band ist nicht nur eine Anthologie, sondern mit Lebenszeugnissen von Zeitgenossen und anderen Dokumenten eine schöne und brauchbare Einführung in Leben und Werk dieses gütigen Menschen, den Zeit und Schicksal in den Panzer des Kämpfers für wahre Freiheit gezwungen haben. Hellsichtig schrieb er ein Gedicht "Die Stimme des Gemordeten", das mit der Zeile beginnt: "Gruß aus dem Grab euch, meinen Mördern!" Er wußte, daß ihn die Nazis, sollten sie zur Macht kommen, verfolgen würden. Aber er hatte nicht einmal soviel Geld, aus dem neuen Reich der Mörder zu fliehen. Erst am Abend vor dem Reichstagsbrand gelang es ihm, das Geld für eine Fahrkarte nach Prag aufzutreiben. In der Nacht wurde er verhaftet, nicht von der Polizei, sondern von Hitlers Schlägertruppe der SA. Siebzehn Monate der Qual und Folter begannen. Mithäftlinge haben berichtet, wie brutale Landsleute diesen Schriftsteller zugerichtet haben, Zähne ausgeschlagen, Bart ausgerissen, so auf den Kopf geschlagen, daß das Innenohr wie eine große Blase aus dem Gehörgang quoll. In der Nacht vom 9. auf den 10. Juli 1934 haben SS-Leute Erich Mühsam im KZ Oranienburg ermordet. Und noch 1984 haben Bezirksamt Zehlendorf und Senat von Berlin diesem tapferen Mann ein Ehrengrab verweigert. Wie hat schon 1925 dieser Dichter erkannt, in dem Gedicht "Frei ist das Wort!": "Doch für linke Poesie: herrscht nur wenig Sympathie."

Rolf Michaelis

  • Erich Mühsam:

Zur Psychologie der Erbtante – Satirisches Lesebuch 1900-1933