Von Heinz Josef Herbort

Eine Elysium-Szenerie wie aus dem Phantastischen Realismus: Vor eisbedeckten Schneegipfeln, die sich in dem ruhig-glatten Wasser eines Bergsees spiegeln, gewissermaßen auf dem Dach der Welt, stehen die Torsos verschiedener Blütezeiten der europäischabendländischen Kultur, Aphrodite und Apoll, David und der Denker, eine riesige Rocaille und Richard Wagner in Gips, korinthische Säulen und toskanische Zypressen.

Zwischen diesen mystischen Erinnerungs-Chiffren eine Aktionen-Schichtung: ein Mann im weißen Bademantel, aber mit einem goldenen Lorbeerkranz auf dem kahlen Schädel, umgeben von Sklaven und einem riesigen schwarzen Hund – Pontius Pilatus, dem jetzt das erlösende Wort zugerufen wird: „Du bist frei!“; dann der Dichter, der mit diesem Satz seinen Roman beendet und dem nun die Geliebte vom Frieden des Lebens in einem ewigen Haus singt, vom Abend mit Kerzenschein und von ihrer wachenden Sorge; schließlich ein Handlungsreisender auf seinen Koffern, umgeben von einem skurril-zwielichtigen Gefolge, der wie ein Schicksalslenker jedem seine Rolle zuwies, der die Zukunft kennt und die Vergangenheit miterlebte – Voland, dem schon der Romanautor Michail Bulgakow in einem Motto den Rückbezug auf Goethes „Faust“ mit auf den Weg gab: „Nun gut, wer bist du denn? – Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

Und während verschiedene Solobläser ein letztes Mal auffällige Linien herausstellen, formiert sich in den Streichern und im Bläsertutti ein großer, aber sanfter Zwölfton-Akkord, bleibt über einem tiefen Baß-Pizzicato hängen und löst sich ins Pianissimo auf. So schließt die erste Oper von York Höller und damit die Auf- und Ausbauphase eines Komponisten, der im Schatten seiner drei „großen“ Kölner Kollegen Zimmermann, Stockhausen und Kagel stehend und bei uns mehr im Verborgenen als in der lauten Öffentlichkeit sich präsentierend einer der wichtigsten Brückenbauer zwischen zwei musikalischen Denk- und Arbeitsweisen geworden ist.

Mit dieser Szene schließt aber auch eine Ära des Pariser Musiklebens: Höllers „Der Meister und Margarita“ ist das (vorerst) letzte Opern-Werk, das auf der Bühne des Palais Garnier, der Großen Oper, gezeigt wird. Was künftig – und vor allem: von wann an von wem – in der Bastille-Oper zu sehen sein wird und was (tatsächlich) mit dem Garnier geschehen wird, steht in den Sternen.

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York Höller: 1944 in Leverkusen geboren, Kindheit zwischen der Profession eines Hoteliers und dem Engagement einer in Klavier und Gesang dilettierenden Mutter. „Eigentlich bin ich sehr religiös erzogen, im protestantischen Sinne: Für mich war es selbstverständlich, daß es die Prinzipien Gutes und Schlechtes in und außerhalb von uns gibt.“ (Heute freilich hält er sich eher für einen Zweifler und „notorischen Anti-Ideologen“, der allenfalls die Forderungen der Bergpredigt als normativ gelten lassen könnte – „aber wer kann die schon erfüllen!“)