Ist der Kauf von Aktien unmoralisch? Der als Zinspfarrer bekannt gewordene Theologe Uwe Lang, Autor mehrerer Börsenratgeber, beantwortet die Frage mit einem klaren Nein. Er habe sich auch nie gescheut, Anteilscheine von Unternehmen zu kaufen, mit deren Produkten oder Methoden er nicht einverstanden ist. Immer mehr Anleger denken differenzierter: Jede Nachfrage nach einer bestimmten Aktie nutze auch dem dahinterstehenden Unternehmen. Wer wirklich verhindern wolle, daß mit seinem Geld Düsenjäger, Kernkraftwerke oder Einwegflaschen finanziert werden, der müsse an der Börse unsaubere Aktien meiden.

Der Jugendprotest in den sechziger Jahren und später die Friedens- und die Ökobewegung haben auch an der Börse ihre Spuren hinterlassen, vor allem in den Vereinigten Staaten. Jeder zehnte Dollar, der an der Wall Street in Wertpapieren investiert wird, unterliegt nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung bereits „ethischen Erwägungen“. Und der Widerstand gegen die südafrikanische Apartheidpolitik hat im vergangenen Jahr auf dem Kapitalmarkt einen solchen Einfluß gewonnen, daß die Broker gezwungen waren, alle Aktien von Unternehmen mit Beziehungen zu Südafrika aus ihrem Repertoire zu streichen.

Unterstützt wurde der Einzug moralischer Werte an der Börse in den USA von einer seit vielen Jahren anhaltenden Diskussion über business ethics, an der sich neben Kirchen und Gewerkschaften auch die Unternehmen selbst beteiligen. In diesem Klima wuchs auch das Interesse an ethischen Fonds. Diese Investmentfonds investieren das Geld ihrer Kunden nach ethischen Kriterien und bevorzugen zum Beispiel Aktien von Unternehmen mit vorbildlichem Umweltverhalten und sozialem Betriebsklima. Strikt gemieden werden indes die Papiere von Firmen der Rüstungs- und der Kernkraftindustrie, Pharmafirmen, die ihre Medikamente an Tieren testen, Biotechnologiefirmen sowie Unternehmen der Suchtmittelbranche (Tabak, Alkohol, Glücksspiel).

Obwohl sich diese Fonds somit aus einigen besonders wachstumsträchtigen Feldern ausgrenzen, können sich ihre Erträge sehen lassen. Der Fonds Pioneer Three beispielsweise, der über 660 Millionen Dollar verwaltet, das sind über 1,3 Milliarden Mark, erwirtschaftete mit seinem Alternativkonzept innerhalb eines Jahres (März 1988 bis März 1989) ein Plus von fast neunzehn Prozent, während das Durchschnittswachstum amerikanischer Fonds im gleichen Zeitraum nur bei 9,9 Prozent lag und der Dow Jones Index für Industrieaktien nur um 15,4 Prozent anstieg. Auch in den vergangenen fünf Jahren lag der Fonds mit einem Zuwachs von 85,9 Prozent über dem Durchschnitt (84,6) Prozent). Und wer im März 1984 in den New Alternative Fund einstieg, der konnte sein Geld seitdem mehr als verdoppeln.

Während in Amerika inzwischen mehr als ein Dutzend ethische Fonds rund sieben Milliarden Dollar verwalten, hatten deutsche Anleger es bisher schwer, ihr Geld sauber zu halten. Wer rentabel sparen und dennoch ein gutes Gewissen behalten wollte, der kaufte Pfandbriefe oder Kommunalobligationen, obwohl er nicht sicher sein konnte, ob er nicht auch damit den Bau umweltfeindlicher Anlagen oder gar von Kernkrafteinrichtungen finanzierte. Wirklich alternativ arbeitete Geld bisher bei der Frankfurter Ökobank. Doch die Erträge der Fonds- oder Projektsparbriefe, die zur Refinanzierung günstiger Kredite an sozial und ökologisch förderungswürdige Selbstverwaltungsbetriebe dienen, fallen mit derzeit 3,5 bis 5,5 Prozent (je nach Laufzeit) mäßig aus.

Kritischen Anlegern wird manchmal der Kauf sogenannter Umweltaktien empfohlen. Doch der Name „Umweltaktie “ trügt. Man versteht hierzulande darunter nicht etwa Anteilscheine von konsequent ökologisch ausgerichteten Unternehmen. Vielmehr sind die Aktien von Firmen gemeint, die von den verstärkten Investitionen in Mülldeponien, Klär- und Filteranlagen, Abgaskatalysatoren und Sicherheitsmaßnahmen in Kernkraftwerken besonders profitieren können. So kommt es, daß als Umweltaktien neben der Deutschen Babcock auch Bau-, Elektro- und Chemiekonzerne wie Hochtief, Siemens oder Degussa angepriesen werden. Die Aktien der Papierwerke Waldhof-Aschaffenburg (PWA) hingegen tauchen unter der Rubrik Umweltaktien selten auf, obwohl PWA als führender Hersteller von Umweltschutzpapier noch am ehesten dazu berufen wäre.

Seit Anfang des Jahres gibt es in der Bundesrepublik eine neue Möglichkeit, Geld anzulegen, ohne mit der Moral in Konflikt zu kommen. In Köln hat der Anlageberater Robert Schneider zusammen mit zwei Kompagnons die Artus Ethische Vermögensverwaltung gegründet. Das Artus-Team verteilt Einlagen deutscher Kunden (Mindestsumme 5000 Mark) auf vier ethische Fonds in Großbritannien und verspricht, daß das Geld weder der Rüstungsproduktion oder der Kernenergie, noch umweltfeindlichen Techniken oder Südafrika zugute kommt. Auch in Banken würden die ausgewählten Fonds in der Regel nicht investieren. Weitere Ausschlußkriterien seien „die Durchführung von Tierversuchen und die Praxis von Firmen, politische Parteien zu finanzieren oder unlauteren Wettbewerb zu betreiben“. Gekauft werden hingegen Aktien von Gesellschaften, die sich auf Entwicklung, Herstellung und Vertrieb von natürlichen Produkten spezialisiert haben, wie etwa die englische Naturkosmetikkette Body Shop. Auch der norwegische Hersteller von Zweiweg-Getränkeautomaten Tomra Systems oder der amerikanische Computerhersteller Apple, der vor Einführung neuer Geräte deren Auswirkungen auf die Umwelt untersucht, zählen zu den Favoriten der Ethikfonds-Manager.

In England haben bereits vierzehn Gesellschaften ethische Fonds aufgelegt. Wer den ersten deutschen „Do-Gooder“-Fonds auf den Markt bringt, ist noch nicht absehbar. Die Frankfurter Ökobank schließt eine Beteiligung an einem solchen Fonds nicht grundsätzlich aus. Ihr Sprecher Torsten Martin glaubt bei deutschen Anlegern ein zunehmendes Bedürfnis ausgemacht zu haben, über die Verwendung ihrer Einlagen mitzubestimmen. Solidus