Von John Vinocur

PARIS. – Wenn man Michail Gorbatschows sämtliche Abrüstungsvorschläge logisch zu Ende denkt, dann steht am Schluß ein neues Europa: das zweite Ende – nicht nur eine Koda – des Zweiten Weltkrieges.

Wer Gorbatschows Vorstellungen auf ihre Konsequenzen abklopft, könnte zu folgendem Ergebnis kommen: Alle Atomwaffen und fremden Streitkräfte werden aus Deutschland abgezogen; die amerikanischen Truppen verlassen Europa; die Atomwaffenkapazitäten Frankreichs und Großbritanniens werden auf den Umfang von Parade-Formationen gekappt; die Nato wird zu einer Feldküche, die belgisches Bier ausschenkt.

Weiter: Die Vier-Mächte-Vereinbarungen über Berlin sind außer Kraft; die Mauer ist weg, und die Deutsch-Mark-Zone erstreckt sich von Reykjavik bis Murmansk. Der Einfluß Englands und Frankreichs in Europa reduziert sich weitgehend auf die BBC und die Michelin-Reiseführer; die Polit-Hebel Amerikas in Europa sind so lang und so brüchig geworden wie Zahnstocher. Die Sowjetunion hat kaum noch Raketen; die Rote Armee ist durch Verhandlungen dezimiert. Aber das Land gärt in Frustration: Es ist zu einem Riesen-DM-Schuldner geworden, von Massenarbeitslosigkeit und zahlreichen Mini-Nationalitäten-Bewegungen erschüttert, unfähig, die neuen Erwartungen mit den neuen Realitäten in Einklang zu bringen.

Das Nachkriegseuropa, Teil II im Jahr 2000: Im Rückblick kann sich niemand so recht erinnern, was der ganze Rummel um 1992 sollte. Denn die sowjetischen Abrüstungsvorschläge haben dazu geführt, daß die europäische Wirtschaftsgemeinschaft längst von dem erstarkenden Deutschland überschattet wird. Die Sowjetunion hat es geschafft, daß die amerikanischen Truppen aus Europa abzogen und damit Jahrzehnte sogenannter amerikanischer Vorherrschaft ihren Abschluß fanden. Aber umgekehrt hat die Sowjetunion sich äußerem Einfluß und äußerer Mitsprache in einem Maße geöffnet, daß der sowjetische Sieg im Zweiten Weltkrieg an Relevanz verloren hat.

Das ist natürlich nur eine von vielen möglichen Zukunftsvarianten. Die westlichen Verbündeten laufen noch kopflos hin und her und versuchen, auf Gorbatschows Abrüstungsinitiativen eine Antwort zu finden. Aber fast scheint es, als wäre das vergeblich. Vor allem übersehen die westlichen Staaten auch, daß es eine durchaus vernünftige Methode gibt, um auf Gorbatschows Verhandlungsstil – der ständigen Erhöhung des Einsatzes (zweite Null, dritte Null) – zu antworten, indem man die entscheidende Frage nach der Zukunft Europas unumwunden stellt – und zwar jetzt und nicht erst in zehn Jahren.

Sie lautet: Wie soll denn das europäische Sicherheitssystem eigentlich aussehen, das die Sowjets am Ende des Abrüstungsprozesses anstreben? Und: Was genau soll aus den beiden Deutschlands werden?