Von Richard Chaim Schneider

Gerade eben hat er noch den großen Charmeur gespielt, bei einem exklusiven Mittagessen einen Haufen Journalisten beherrscht mit launig-ironischen Kommentaren über seinen neuesten Roman, die Intifada, den Holocaust und die Ehe, „diese lebenslange Verstrickung, in der einer den anderen töten kann“, hat natürlich auch erklärt, daß er solche PR-Touren nicht gewöhnt sei und gar nicht wisse, wie man damit umgehe. Doch in Wahrheit war er der perfekte Entertainer, der sich nicht in die Karten blicken ließ, der Fragen beantwortete, noch ehe sie überhaupt gestellt waren.

Nun sitzen wir in seinem Hotelzimmer, auf der Kommode liegt ein frisches Hemd für die geplante Lesung am Abend, sein Jackett hat er bereits ausgezogen, die Hemdsärmel hochgekrempelt. Abraham B. Jehoschua ist bereit, in den Clinch zu gehen, schließlich ist sein Gesprächspartner ein Diaspora-Jude, also einer dieser außerhalb Israels in der Welt verstreut lebenden Juden, die er in seinen theoretischen Schriften auf das heftigste attackiert.

Anlaß seines Besuches in Deutschland ist das Erscheinen seines letzten Romans, “Die fünf Jahreszeiten des Molcho“, dessen zentrale Themen auf den ersten Blick der Tod und die Ehe sind. Doch wie in den früheren Werken “Der Liebhaber“, “Späte Scheidung“ oder in den Erzählungen beschäftigt sich Jehoschua zugleich immer mit der Frage der jüdischen beziehungsweise israelischen Identität. In einem Land, dessen Geschichte so jung ist, gehört es mit zu den Hauptaufgaben der Literatur, zur Identitätsfindung beizutragen. Lange vor der Staatsgründung entschieden sich Autoren, die auf Hebräisch schrieben, ins damalige Palästina auszuwandern, obwohl die jüdischen Gemeinden dort noch klein und die Publikationsmöglichkeiten gering waren. Doch der Kontakt zu Juden, die Hebräisch als einzige Sprache gebrauchten, war ihnen wichtiger.

Die daraus entstandene gesellschaftliche Funktion ist den israelischen Autoren bis heute geblieben. Welches Land kann von sich behaupten, daß seine Schriftsteller regelmäßig vor Offizieren und Generälen Vorlesungen über Politik und Moral halten? In diesem Sinne versteht Jehoschua seine Aufgabe als große politische Verantwortung. Er ist neben Amos Oz der international berühmteste israelische Schriftsteller, entsprechendes Gewicht hat sein Wort in der innenpolitischen Diskussion.

Jehoschua, 1936 in Jerusalem geboren, entstammt einer Familie sephardischer – orientalischer – Juden, die seit fünf Generationen in Israel ansässig ist. Davon ist sein Weltbild geprägt. Als überzeugtem Israeli ist ihm die Diaspora – hebräisch: Galut – völlig unbegreiflich. “Exil der Juden – eine neurotische Lösung?“ heißt seine politische Streitschrift, die Ende der siebziger Jahre in Israel und einige Jahre später in den USA und Europa Furore machte. Darin fordert er die Rückkehr aller Juden nach Zion; zu jenen Gemeinden, die keinerlei Anstalten dazu machten, solle Israel den Kontakt abbrechen.

„Wir dürfen uns doch nichts vormachen“ – aufgebracht und im Zimmer wild gestikulierend ist Jehoschua in seinem Element – „der Galut war ein einziger großer Fehler des Judentums. Irgend etwas stimmt nicht in unserem Selbstverständnis.“ Zwar sprächen, sagt er, Juden auf der ganzen Welt die Gebetsformel „nächstes Jahr in Jerusalem“, aber das erscheint ihm absurd, so absurd, daß ihm dazu dieser Vergleich einfällt: „Können Sie sich einen Deutschen vorstellen, der ‚nächstes Jahr in Nicaragua sagt?“