Traut Euch, macht Frieden“, drängt die SPD auf Plakaten zur Europawahl auf der Bonner Adenauerallee, gleich hinter dem Kanzler- und dem Präsidialamt. Ein winkender Bush und Gorbatschow sind darauf nebeneinander montiert. Vielleicht hat sie der Präsident bei seiner Stippvisite in Bonn gesehen, bei der er trotz allen Hubschraubertransports gelegentlich doch Straßenberührung hatte, und womöglich wird sie auch der Generalsekretär bemerken, wenn er in anderthalb Wochen kommt.

Drei Stoßseufzer: Was für eine Ausnahme, was für eine Befreiung in der Öde dieses Wahlkampfs. Da ist den Sozialdemokraten nun wirklich etwas Zündendes eingefallen. Sonst haben wir uns bisher mit seltsamen Behauptungen begnügen müssen. Daß die CDU in der europäischen Sozialpolitik zu allem fähig, aber zu nichts zu gebrauchen sei, das läßt uns ratlos. Und der CDU-Reim „Radikale und SPD, Zukunft und Wohlstand ade“ hat selbst in den Reihen der Union zu Unmut, ja Klebeverweigerungen geführt. Der Rest ist stille Einfalt: „Wir sind Europa“ (SPD) oder „Großes Europa, große Zukunft“ (CDU). Na ja.

Schlimmer noch, wenn die Plakate zu laufen beginnen, im Fernsehen, seit dem vergangenen Wochenende, in den allabendlichen Parteienspots. Bei der SPD ziehen Wolken frischwärts zu einem Sonnenaufgang hin, der wie ein Untergang aussieht. Daß man frischen Wind brauche und wie die Wolken sein wolle, das versichern uns jugendliche Sänger mit modischem Diskant. Sonst hampeln sie auf einer Wiese, offenbar europäischer Aufbruch. Dazwischen teilen uns Hans-Jochen Vogel oder der Spitzenkandidat Gerd Walter mit, daß man mit verbrauchten Leuten nichts neues, sondern vielmehr – und so weiter.

Bei der Union begegnet uns natürlich vor allem Helmut Kohl, als treibende Kraft, auf europäischen Gipfelbildern, als Kanzler der großen Einigung. Zuvor freilich kneift jemand, wenn wir das richtig verstanden haben, dauernd verhängnisvolle Drähte durch, die wiederum mit den Radikalen und der SPD zu tun haben, obwohl das ja eigentlich gegen die CDU-Logik ist. Aber da fürchten wir uns erst und sind dann sehr erleichtert.

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Allerdings, der Nonsens hat Methode, ist glatt und professionell, nach allen Regeln der angeblichen Werbekunst. So leer und gekonnt ist diese Stimmungsmache freilich, daß die Einblendungen der Splittergruppen wie eine Erholung wirken, rührend stümperhaft in der Technik und unbeholfen in der Demagogie, aber doch mit Zielen und Argumenten. Die „Mündigen Bürger“ etwa sorgen sich um das Schicksal der Naturheilmittel und Selbstmedikation in der EG, die „Marxistisch-Leninistische Partei“ zieht das Wunderland Europa in Zweifel, die „Ganzheitlich-esoterische Partei“ ist für mehr Spiritualität und die „Öko-Union“ fürchtet für die Umwelt, Sitte und Moral und die Wiedervereinigung, wenn Europa Wirklichkeit wird. Pfiffig nur die „Humanistische Partei“, deren junge Leute links und gewaltfrei sein wollen. So altmodisch und linkisch auch immer, sie alle halten es wenigstens mit dem Wort.

Insgesamt 21 Parteien oder Vereinigungen bewerben sich in der Bundesrepublik um Mandate im Straßburger Parlament, ein neuer Rekord. Da wird bis zum 18. Juni noch vieles die Straßen säumen und uns abends ins Hauskino kommen. Mit welchem Ende? Knapp 57 Prozent der Stimmbürger haben sich an der Wahl vor fünf Jahren beteiligt; diesmal, so sagen die Demoskopen voraus, werden es noch weniger sein. Wie viele der Nichtwähler fühlen sich einfach verhöhnt? Europäischer Wahlkampf auf Plakaten und der Mattscheibe: hier die kieselglatten Parolen und Abziehbildchen der Großparteien, dort allerhand Weltverbesserer und Eigenbrötler. Das kann doch wohl nicht wahr sein. Carl-Christian Kaiser