Von Rolf Zundel

Geschichte wird anschaulich in Geschichten. Bei der Suche nach Objekten für die Bonner Hauptstadt-Ausstellung war der Blick der Organisatoren an einem Photo vom 15. September 1949 hängengeblieben: Konrad Adenauer steckt seinen Wahlzettel in eine Urne. Mit dieser, seiner eigenen Stimme war er zum ersten Kanzler der neuen Republik gewählt worden. Schneller Entschluß: Die Urne muß her! Es wurde eine lange Suche. In keinem Archiv war das Stück zu finden. Aber immerhin gab es viele Photos von der Wahl, und auf einem war zu erkennen, wie ein Saaldiener die Urne wegtrug. Eine Spur?

Ein Mitarbeiter der Ausstellung berichtet, er habe den Chef der Saaldiener, Karl-Heinz Schmitt, aufgesucht und ihm das Photo gezeigt: "Kennen Sie den Mann?" Zögern, dann Grinsen: "Das bin ich." – "Wissen Sie, wo die Urne ist?" Wiederum zögert Schmitt und erzählt, wie er in den Nachkriegsjahren mit seiner Braut am Rhein spazierenging; damals wurde gerade die Pädagogische Akademie zum Bundeshaus umgebaut. Seine Braut habe ihm gesagt, da gebe es sicher einen Arbeitsplatz, da solle er sich bewerben. "Aber wo ist die Urne?" Schmitt nimmt den Besucher mit in seine Wohnung und führt ihn in den Party-Keller. Dort steht, auf einem Barhocker, das gesuchte Stück, eine Reliquie der Bundesrepublik.

Schmitt hatte die Urne bei einem der vielen Umbauten des Parlaments unter Bauschutt in einem Container entdeckt. Ihm schien sie zu schade für den Müll. Er fragte ordnungsgemäß den damaligen Bundestagspräsidenten Gerstenmaier, ob er sie behalten dürfe. Er bekam ohne weiteres die Erlaubnis; das amtliche Bonn hatte damals noch kein Interesse an solchen Fundstücken. Schmitt ließ das etwas verbeulte Behältnis von einem Goldschmied reparieren. Heute steht es, übrigens nach komplizierten Verhandlungen mit dem Bundestagspräsidium, das inzwischen diesem Fund beträchtlichen historischen Wert beimißt, bronzeglänzend, mit Sicherheitsschloß und Länderwappen, in der Bonner Ausstellung.

Was dem Saaldiener Schmitt damals selbstverständlich erschien: aus dem Abraum der Aufbaujahre in liebevollem Zugriff ein Stück Tradition zu bergen, das geschah eigentlich gegen das offizielle Verständnis von Bonn, das ja keine Hauptstadt sein sollte, sondern ein Provisorium, in dem man sich schlechten Gewissens, aber mit gründlicher, oft rabiater Geschäftigkeit einrichtete. Wenn man die Legende außer acht läßt, Adenauer habe ein Machtwort für Bonn gesprochen, weil es seinem Wohnsitz in Rhöndorf so nahelag, ist der Ort eben deshalb zum Regierungssitz gewählt worden, weil er zur Hauptstadt so gar nichts mitbrachte – nichts außer einer freundlichen Bedeutungslosigkeit. Bonn konnte, anders als das geschichtsträchtige Frankfurt, das ebenfalls zur Wahl stand, für Berlin, die verlorene Hauptstadt, keine Konkurrenz werden.

Das schlechte Gewissen ist heute vergessen. "Hauptstadt", so lautet die Überschrift für die Ausstellung in der neuen Bonner Kunsthalle. Ohne gewaltigen Anspruch, aber mit freundlicher Gelassenheit wird die Stadt am Rhein unter die "Zentren, Residenzen, Metropolen in der deutschen Geschichte" eingeordnet: als eine Möglichkeit unter vielen in den oft seltsamen historischen Verläufen und eigentlich, warum auch nicht, eine ganz akzeptable. In dieser Ausstellung wird, so sagt Bodo-Michael Baumunk, der schon einige Historie ins Bild gesetzt hat, "kein von hier nach dort" vorgeführt. Da belehrt keine Deutung: So mußte es kommen! Kein pädagogischer Fingerzeig mahnt: Und was lehrt uns das?

Aus dem noch ungestalteten Raum der Möglichkeiten – schwarz hat der Architekt Peter Kulka die Wände eingefärbt – entwickelt sich das Spiel der Erscheinungen. Ein Metallsteg teilt den Raum. Wer ihn betritt, läßt die Metropole Berlin hinter sich, wechselt die Richtung, blickt hinunter auf die Behäbigkeit von Residenzen, die blitzenden Kostbarkeiten alter berühmter Städte, den wilhelminischen Pomp und schreitet, das Hermannsdenkmal zur Rechten, einen Papuakrieger zur Linken, ins Bonner Obergeschoß.