Deutsche Möglichkeiten: In der luftigen Eingangshalle unter einem geschwungenen Wellblechdach liegt zwischen Topfbäumchen aus dem Süden, Lorbeer, Zitronen, Oliven, die wuchtige Grabplatte Ottos III., jenes deutschen Kaisers, der Rom so sehr liebte und vom Hügel der Caesaren aus das Imperium regieren wollte. Eine kleine Tafel erinnert an Thomas Mann, der im kalifornischen Exil an seinem großen deutschen Roman "Dr. Faustus" gearbeitet und über Otto III. geschrieben hatte: "Er war ein Musterbeispiel deutscher Selbstantipathie und hatte ein Leben lang unter seinem Deutschtum gelitten." Gesuchtes und erzwungenes Exil.

Wenn heute Herrschaft und Hauptstadt sich zwangsläufig verbinden, so hat das nicht immer so gegolten. Im frühen Mittelalter wurde die Herrschaft im Umherziehen ausgeübt; viele Stationen der Ausstellung zeigen dies. Erst allmählich entwickeln sich Zentren, die Krönungsstadt Aachen, Speyer, die Stadt der Reichstage, Regensburg, Frankfurt, die großen und die kleinen Residenzen, und erst ganz spät entstand – ein kurzer, glanzvoller und erschreckender Augenblick im Kaleidoskop der Erscheinungen – die Metropole Berlin. Orte mit wechselnder Geschichte treten ins Bild, Größe und Grauen nahe beieinander, nicht nur in Berlin. Ein gewaltiges Ölgemälde zeigt die Heimholung der Reichsinsignien nach Nürnberg; sie werden durch ein buntes Gewimmel fröhlicher Menschen zur Kirche des Heilig-Geist-Spitals gebracht. In Blickweite sind alte, romantisierende Entwürfe zu Bühnenbildern für Richard Wagners "Meistersinger" mit ihrem Lobgesang auf die "heil’ge deutsche Kunst". Dicht daneben unterhält sich "Gauleiter" Streicher mit Heinrich George über den Film "Das unsterbliche Herz", marschieren SA-Kolonnen durch die Stadt, springen Pläne für Hitlers Monumentalbauten ins Auge und löffelt "Reichsmarschall" Göring, Angeklagter im Kriegsverbrecherprozeß, das Essen in seiner Zelle.

Der Rundgang durch die Residenzen bringt ein wenig Ton jener liebenswürdig-gravitätischen Heiterkeit zurück, wie sie Thomas Mann in "Königliche Hoheit" geschildert hat. Man beginnt angenehm zu träumen vom Hause Grimmburg. Und plötzlich steht man vor einem kleinen Bildchen: "Der Kabinettsrat Schleiermacher vor dem Großherzog Ludwig III. von Hessen-Darmstadt". Klein und krumm der Rat, hochaufgerichtet, in Paradeuniform, der Herzog – eine Vignette des deutschen Obrigkeitsstaats. Ludwig III. hat den zweifelhaften Ruhm, eine nach preußischem Vorbild perfekt exerzierende Armee geschaffen zu haben. Er hat dafür das Land, das durch die Jagdleidenschaft seines Vaters schon hoch verschuldet war, vollends ruiniert.

München: Kunst, Pracht, Bohème und ein Blick in das Arbeitszimmer Thomas Manns, weit, großbürgerlich, wohlgeordnet. Daneben Photos aus der Zeit, als aus der Hauptstadt der Kunst die Hauptstadt der Bewegung geworden war, und im anschließenden Raum rührende und erschreckende Zeugnisse jener Bürgerkultur, die Mann als "machtgeschützte Innerlichkeit" beschrieben hat. Noch härter stoßen sich die Gegensätze in Weimar. Einige Jahrzehnte lang war das Städtchen "Hauptstadt des Geistes in einem zersplitterten Deutschland". Und vieles, was den Gebildeten teuer war, findet sich wieder: die Dioskuren natürlich, Goethe und Schiller, eine Nachbildung des Denkmals vor dem Hoftheater, die viele bürgerliche Salons geschmückt hat. Herder, Wieland, Johanna Schopenhauer treten aus dem Dunkel, ein bestickter Pantoffel des Dichterfürsten und ein Blatt von seinem Lorbeerkranz sind zu besichtigen. Ein Modell des Gartenhauses ist aufgebaut.

Dort hat Goethe am "Wilhelm Meister" gearbeitet, und darin findet sich der Satz: "Wir fürchten uns vor einer Hauptstadt" – eine weitverbreitete Stimmung damals. "Dem Bedauern über die fehlende Metropole stand stets ein nicht geringer antihauptstädtischer Impuls gegenüber, der sich nicht selten mit einem distanzierten Verhältnis zur Politik und allem Gesellschaftlichen verbündete" (Baumunk). Auch Goethe wünschte sich eine kulturelle Metropole, aber damit sie entstehen könne, meinte er, seien Umwälzungen nötig, die er sich lieber nicht herbeiwünsche.

Die Stadt Goethes gab auch der Weimarer Republik den Namen. Dorthin war die Nationalversammlung ausgewichen, weil viele Politiker fürchteten, in Berlin könne man "jeden Tag Hunderttausende von Menschen auf die Beine bringen" (Scheidemann), in Weimar aber, "wo solche Arbeitermassen nicht vorhanden sind" (Ebert), seien derlei Störungen der Straße nicht zu befürchten. Auf der Eröffnungssitzung des neuen Parlaments erklärte Ebert: "Jetzt muß der Geist von Weimar, der Geist der großen Philosophen und Dichter, wieder unser Leben erfüllen." Die politische Idylle zerbrach in den Auseinandersetzungen um den Versailler Vertrag. Das Parlament kehrte nach Berlin zurück.

Zwei Schritte in der Ausstellung reichen aus, um von Goethes Gartenhaus Buchenwald zu erreichen, jenes KZ, etwa zehn Kilometer von Weimar entfernt, in dem 65 000 Menschen ermordet wurden. Die Zeugnisse sind kärglich: geschnitzte Holzlöffel, selbsterstellte Feuerzeuge, Tragriemen für Steine, ein Eßgeschirr. Die Geschichten aber, die sich daran knüpfen, wirken lange nach. Das Eßgeschirr zum Beispiel hatte ein dänischer Häftling von einem russischen Kriegsgefangenen gegen ein paar Zigaretten eingetauscht. Die Namen von neun Lagern sind darauf eingeritzt – die Leidensstationen eines Häftlings, dem das ganze Land wie ein großes KZ erscheinen mußte. Ein paar Schritte weiter stößt der Besucher auf ein Werbeplakat zum Goethejahr 1949: "Goethe’s Germany Invites You".