Und nun also Bonn und die neuen Heimeligkeiten: der zum Werbegeschenk verkleinerte Wanderschuh von Karl Carstens; die Zigarrenspitzen Ludwig Erhards; die Malutensilien von Theodor Heuss; ein Gedicht von Carlo Schmid im antiken Versmaß, Elegie im Mai; die Ledertasche mit zwei Thermosflaschen, in der Adenauer seine Brote aufbewahrte, wenn er durch die Republik fuhr.

Die Geschichten vom Anfang: der Streit Adenauers mit dem Bundeshausarchitekten Schwippert zum Beispiel, der einen sehr offenen Plenarsaal mit einer Fensterfront zum Rhein wollte und auch zunächst eine kreisförmige Anordnung der Sitze im Plenarsaal vorgeschlagen hatte. Adenauer aber, so wurde Schwippert mitgeteilt, war der Meinung, "für den Anfang der parlamentarischen Arbeit sollte man nicht gleich zu solch radikalen Neuerungen greifen". Und auch die Inneneinrichtung fürs Palais Schaumburg, die Schwippert vorgeschlagen hatte, fand bei Adenauer keine Gnade. Den richtigen Schreibtisch, Chippendale natürlich, ließ er sich 1960 von der Schreinerei Jakob Walkembach, Bad Honnef, anfertigen.

Neubauten, Staatsempfänge: Bonn macht Karriere. Die alte Baracke der SPD, der winzige Flughafen werden zu freundlichen Erinnerungen. Reminiszenz auch ist der Serienstuhl, der in allen Büroräumen verwendet werden sollte und als Ausdruck eines neuen Geistes gerühmt wurde: "Im Vorzimmer der Sekretärin stehen die gleichen Möbel wie im Arbeitsraum des Präsidenten, ein wohltuend zu vermerkendes Faktum im demokratischen Sinn." Die Politiker werden festgehalten für die Nachwelt. Kokoschka malt Heuss, Adenauer, Erhard. Der Blick des Besuchers verliert sich in diesen Portraitlandschaften und prallt dann plötzlich auf das Brandt-Bild von Meistermann: eine fremde, rätselhafte Gestalt.

Eine neue gute Gesellschaft meldet sich zu Wort, die nicht immer ganz so neu und auch nicht immer ganz fein war. Erica von Pappritz, die sich schon in der Berliner Wilhelmstraße dem Protokoll gewidmet und mit dafür gesorgt hatte, daß die Machtübernahme formgerecht abgewickelt wurde, sorgte nun im Bonner Auswärtigen Amt für den guten Ton. Sie schrieb "Das Buch der Etikette", das, allerdings nur in der ersten Auflage, so begann: "An Stelle eines Vorworts: Wo wir sind ist oben." Buch, Monokel, Klappbrille und Nerzstola sind zu besichtigen.

Störungen, Gestörtheiten – viel davon gab es in Bonn. Dokumente zur Spiegel- Affäre, Bilder, von der Besetzung des Bonner Rathauses durch linke Studenten, der Schützenpanzer HS-30, Corpus delicti des ersten Rüstungsskandals, der Flugschreiber eines Starfighters (250 Maschinen dieses Typs sind abgestürzt), ein Modell der zerstörten nördlichen Innenstadt Bonns nach einer Atomexplosion, gebaut in der Katastrophenschutzschule Neuenahr unter der Annahme, daß an der Kennedy-Brücke eine Bombe vom Hiroshima-Typ explodiert ist – die Ahnung von Unsicherheit, von Gefahr war nie fern. Auch das gehört zu einer deutschen Hauptstadt.

Nun also Bonn. Eine Laune im Wechselspiel der historischen Erscheinungen? Nicht Mittelpunkt, nicht Metropole, nicht Weltstadt. Aber vielleicht kein schlechter Ausgangspunkt, um jener Frage nachzugehen, die schon Friedrich Schiller gestellt hat und die so schwer zu beantworten ist: "Deutschland, aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden."