Ich schreibe nicht aus Freude über ‚heile‘ Zustände, sondern aus Zorn über Zustände.“ Saalmanns „Umberto“ hat in der DDR Irritationen und Begeisterung ausgelöst: grandiose Beschreibung eines Antihelden. Umberto, vierzehn, aus desolaten Verhältnissen, gerät in miese Gesellschaft trüber Freaks. Drops Dropmann, Backe, Abräumer und der gerissene Schlawiner Tscheschiak beschleunigen Umbertos Abstieg. „Der Schüler Medock hat den absoluten Nullpunkt erreicht“, verkündet Mathe-Hampel. Endstation: Heimeinweisung Neuensorge.

Schreiben sei auch ein Versuch gegen die Kälte, sagt Christa Wolf. Saalmanns präzise, subtile Zeichnung des Milieus seitab von der Sozialität ist ein geglückter, ein glänzender Versuch. Einer ohne Beispiel in der Jugendliteratur der DDR; Saalmann pfeift auf die sozialaktivistischen Papierhelden und das Klappern der Gebetsmühlen einer Handvoll beflissener Funktionäre, die Literatur immer noch nur als „Waffe im Klassenkampf“ gelten lassen wollen.

Umbertos Mutter Ilona zeigt Saalmann als eine Person von krankhafter Antriebslosigkeit. Sie leidet unter Taschenwut, „Mägräne“ und Spontanose. Spontanose – diese Mischung aus Kreuzschmerz und Faulheit. Daran droht nicht nur Ilona kaputtzugehen, sondern Umberto. Die ewigen Zustände seiner Mutter, die fehlende Wärme treiben ihn harmonisch in die Katastrophe. Ilona pooft, säuft, sieht fern. Nur wenn das kurze Glück mit dem neuen „Verlobten“ angesagt ist, trällert es grell durch die verschlampte Wohnung: Du warst mein Glück, komm doch zurück ...

Ilona im Silastikpullover, Ilona bläulich angeflackert vom Fernseher, Ilona ziemlich angesäuselt, Ilona mit ihrem larmoyanten „Ich bin eine einfache, werkt-hätige, kranke Frau“. Ilona, die, wenn ihr alles überm Kopf zusammenschlägt, rumweimert: Ich dreh noch mal das Gas auf... Ilonas ewige Litanei: kein Geld, kein Geld. „Mal ist sie total runter, mal singt sie, daß der Abwasch klirrt.“ Bianca, zwölf Monate altes Schwesterchen von Umberto, ist bloß ein kleines Bündel Geschrei, zu mickrig für die Kinderkrippe, und unterm pechschwarzen Kräuselhaar schimmert eine kleine Glatze: vom vielen Liegen. Jugendhilfe und der Kreisvorsitzende für Kinderreiche (Ja, ja: Es gibt auch noch Tochter Karla, die ist auch schon schwanger und schläft bei Großmutter Elsa Ria Medock) können das langsame Absacken der Medocks kaum bremsen. Ilona hat keine Briketts im Keller, verheizt die Einzelteile von Umbertos zusammengebrochenem Kinderbett.

Saalmann gelingt es, diese pathologisch träge Ilona, die es bloß vom Bett zum Fernseher schafft, so zu schildern, daß kein Haß aufkommt. Nur Traurigkeit. Elsa Ria Medock, Umbertos Großmutter, nennt Tochte Ilona nur „die Dame“. Elsa Ria Medock, in Memel geboren, ehemals ein „stolzes, rabiates Frauenstück“, versucht, Umberto Herzlichkeit und Wärme zu ersetzen. Verbissen kämpft sie gegen den Abstieg des Enkels. Im morgendlichen Schleppdienst schleift sie den Schwänzer zur Schule. Elsa Ria hat einen Vorrat wohlriechender Westpuddingpulver gehortet, kocht Bohnen mit Speck, gibt Karla und Umberto ein winziges Stück Halt, ist selber unendlich müde vom Leben und beginnt, auf das Sterben zu warten. „Wer genug Geldpinunze hat, kann sich Stolz leisten und Delikat.“ (Delikat heißen die Lebensmittelläden in der DDR, in denen Genußmittel der gehobenen Art angeboten werden.)

Saalmann – ein unglaublicher Erzähler: Es sind nicht nur Suggestion und Dichte der Sprache. Hinter artistischer Präzision und Brillanz der Wörter: Engagement, Wärme, heilsame Wut. „Sobald der Autor nicht mehr empört ist, verliert auch sein Text allen Schwung“, sagt Saalmann. Er kann Umbertos Katzenjammer und diesen Hunger nach Herzlichkeit in knappen, ganz und gar unsentimentalen, sogar komischen Szenen so fassen, daß der Leser ganz überwältigt wird von dieser Figur, die doch kein Held ist. Umberto, der Widerborstige, Verdrehte, Alleingelassene. Dem „das Leben beigebracht hat, seine Chance zu wittern wie ein junger Hund die Wurst“. Nützt nichts – die Witterung. Umberto kommt nach Neuensorge. Er, der sich anfangs vorm Heim graust, kapiert bei der Ankunft: Es ist kein Sträflingsplatz. Die Köpfe sind nicht kahlgeschoren. Nur Hausschuhpflicht. Es gibt Schlimmeres ...

Im Bereich sogenannter Jugendliteratur (die man hier wie dort nicht separieren sollte von der sogenannten großen Literatur, denn sonst verkommt sie zur Powelware) ist „Umberto“ eine ähnliche Sensation, wie es vor siebzehn Jahren Plenzdorfs Edgar Wibeau war. Saalmann wird sich sicher nicht nur mit Beifall herumschlagen müssen. Zweierlei Mißverständnisse sind voraussehbar: eines in der DDR, weil der Autor souverän und vital aus veralteter, muffig gewordener Kunstdoktrin ausbricht. „Kunst ist Kritik. Das ist der ursprüngliche Schreibantrieb für die Autoren aller Zeiten.“ Und schon jetzt wird man „Umberto“ fürsorglich in Schutz nehmen müssen vor einer heuchlerischen Vereinnahmung im Westen, die möglicherweise nur darauf lauert, Widersprüche im real existierenden Sozialismus hämisch kommentieren zu wollen.