Köln

Und wieder ein Angriff über linksaußen. Der Partisane mit der Nummer "5 vor 12" schlägt die Flanke auf seinen bayerischen Mittelstürmer mit der "Isar 12" auf dem Rücken, doch der scheitert. Nicht besser ergeht es "Hrubeschs Enkeln" aus Essen und "Gib mich die Kirsche" aus Krefeld. Auch Stuttgarts "Vorwärts Koz" (was für Kommunikationszenrum steht) ist ohne Chance, ebenso "Grand Hotel Abseits" aus Köln, die Bundestagself der Bonner Grünen und das Betriebssportteam der Berliner taz.

Als am Wochenende in Köln die Alternativfußballer ihren Meister ermittelten, triumphierte der Ausrichter und Titelverteidiger "Petermann Stadtgarten" mit gutem Kreisliganiveau nahezu unangefochten. Endspielgegner "Prinzip Hoffnung" versuchte zu sehr, den Ball ins Tor hineinzuphilosophieren und verlor mit 1 : 2.

Fußball, das ist das Credo der Alternativkicker, darf nicht nur wie Fußball sein. Bei den Alternativen gehören Selbstironie und Klamauk ebenso dazu wie so manche meisterhaft inszenierte Parodie auf den anderen, den offiziellen Fußball.

Sie spielen in selbstorganisierten "wilden" und "bunten" Ligen, in Stadtteil-, Studenten-, Ausländer- und Szenekneipen-Mannschaften. Einmal im Jahr trifft sich die Creme der vereinsfreien Linkskicker zum Meisterschaftsturnier. Als qualifiziert gelten nicht die besten Mannschaften, sondern wer eingeladen wird. Wichtig ist ihnen allemal, nichts mit dem Deutschen Fußballbund zu tun zu haben, nichts mit Vereinsseligkeit, mit Leistungsprinzip und Trainingsstreß, mit selbstherrlichen Fußballehrern und autoritären Funktionären. Der Ball allerdings ist konventionell rund, gespielt wird wie gewohnt zu elft, und die Tore sind durchweg eckig, aber sonst wird das Regelwerk bisweilen modifiziert: häufig wird – wegen Nichterscheinens – auf den Schiedsrichter verzichtet, und wenn jemand unnötig heftig in den Rasen tritt, gibt es die Grüne Karte für ein ökologisches Foul.

Im Sinne solcher Alternativansprüche ist "Petermann Stadtgarten" zweifelsfrei ein würdiger Meister. Denn die Kolner haben den Kult um sich selbst am schönsten und am weitesten getrieben. Ihr Namensgeber ist schließlich der "einzig wahre Anarchist und Freiheitskämpfer der Stadt" – nämlich das einheimische Schimpansenmännchen Petermann. Dieser trat jahrelang als umjubelter Star vieler Kolner Karnevalssitzungen auf, zeigte aber dann, so die heutigen Petermänner, im Oktober 1985 seine wahre Gesinnung, als er gemeinsam mit Lebensgefährtin Susi aus dem Zoo ausbrach, die Warter angriff, dem Zoodirektor persönlich einen Finger abbiß, und erst dann auf der Flucht getötet wurde.

Als Mittelstürmer Rainer Osnowski, nebenher Buchermacher im Kolner Volksblatt-Verlag, mitbekam, daß der anarchistische Affe "die linke Faust in den Kölner Abendhimmel gereckt hat, als er von hinten erschossen wurden", war ihm klar, daß sein Fußballteam "Schickeria Volksgarten" augenblicklich umzubenennen war. Seitdem motivieren sich die fußballernden Nachfahren vor jedem Match mit dem Schlachtruf "Petermann, geh du voran". Der Affe selbst ist längst postum Ehrenvorsitzender seiner Fußballfreunde.

Bernd Mullender