Nach fünf Tagen eines parlamentarischen Manövers ohne Beispiel in der sowjetischen Geschichte hat Michail Gorbatschow die auf freiem Felde und vor laufenden Kameras streitenden Truppen zu sammeln versucht. „Die Partei“, so Gorbatschow, „schlägt den Dialog mit allen politischen Organisationen vor, und sie lädt zur Zusammenarbeit bei der Erneuerung unserer Gesellschaft ein.“

Damit ging er zwar nicht über die Schwelle des Mehrparteiensystems, aber doch bis zur konstruktiven Einbeziehung oppositioneller Strömungen. Und es klingt wie ein Märchen, wenn man nur wenige Jahre zurückdenkt. Es droht leider auch ein Märchen zu bleiben, wenn man es an der Realität dieser Tage mißt. Zu den ersten der rund 400 Redner, die sich nach Gorbatschows Ansprache zu Wort gemeldet hatten, gehörte Generaloberst Rodionow, der jüngst den blutigen Einsatz gegen georgische Demonstranten leitete: „Jetzt ist es schwerer als im Jahr 1937. Man prangert dich an, und du kannst nichts tun... Das alles ist Provokation, speziell vorbereitet, um die oberste politische und militärische Leitung des Landes zu diskreditieren. Das alles ist die georgische Variante der Perestrojka.“

Rodionows Auftritt wirkte beklemmend. So wie er denken nicht wenige. Als Präsident Gorbatschow jetzt zum ersten Mal die Höhe des sowjetischen Militärhaushaltes für 1989 aufdeckte, der mit 129 Milliarden Dollar um ein Vierfaches über dem bisher offiziell verkündeten Budget liegt, zeigte die Kameraführung der Glasnost die bitter verschlossenen Gesichter der alten Militärgarde. Gibt es eine junge Generation in Uniform, die ähnlich denkt, wie jene Jung-Parlamentarier, die auf dem Volksdeputiertenkongreß jetzt so völlig neue Töne anschlugen? Gorbatschow, dem eine Wirtschaftskatastrophe ins Haus steht, hätte sie angesichts der unvermeidlichen Streichungen am Militärhaushalt bitter nötig. C. S.-H.