West-Berlin

Jetzt hat der rot-grüne Senat in Berlin wahrgemacht, was CDU-Politiker ihm schon lange zugetraut haben: In West-Berlin wurde die Freiheit endgültig beseitigt, nun herrschen tatsächlich Zustände wie in der DDR. Denn Verkehrssenator Horst Wagner hat es gewagt, auf den letzten sechseinhalb Kilometern Autobahn die freie Fahrt für freie Bürger abzuschaffen. Schon gilt der ehemalige Gewerkschaftsboß manchen Berlinern als Arbeiterverräter, denn auf dem Avus-Teilstück von Nikolassee bis Grunewald brauchen Honda- und Porschefahrer bei DDR-Tempo 100 nun zwei Minuten mehr als bisher.

Keine Entscheidung des neuen Senats hat bislang die Gemüter der Berliner und ihre Zeitungen mehr erregt als die Einführung eines Tempolimits auf der Avus. Nächtelang sammelten sich Hunderte von Motorradfahrern auf der sogenannten Spinnerbrücke in Nikolassee, wo sich seit jeher die Zweiradfans beim Bier ihre Biker-Abenteuer erzählen und ihre Lederbräute vorführen, und auf dem Stauraum des stillgelegten Grenzübergangs Dreilinden trafen sich ebenso viele Autofahrer, um gemeinsam im Zuckeltempo laut hupend über die Avus in die City, zum Rathaus Schöneberg, über den Kurfürstendamm oder zum Sender Freies Berlin zu fahren.

Solange wollten Auto- und Motorradfahrer auf diese Weise gegen Tempo 100 protestieren, bis es wieder abgeschafft ist. Das hat sich nun gelegt, denn nicht nur die betroffenen Anwohner waren genervt vom Lärm und Gestank, sondern mehr und mehr Berliner fragten sich, ob es wirklich nichts Wichtigeres geben soll als ein paar Kilometer, die zum Rasen freigegeben sind. Nur der ADAC fragt sich das nicht. Mit 347 000 Berliner Mitgliedern als angeblicher Basis will er Kläger gegen das Tempolimit unterstützen, legt Unterschriftenlisten aus und verkündet, die Senatsentscheidung sei ‚verkehrsrechtlich nicht haltbar".

Daß Hunderte von ADAC-Mitgliedern Protestbriefe gegen die Haltung ihres Verbandes verfassen, teilweise gar austreten, beeindruckt den Automobilclub wenig. Denn noch Unerhörteres droht: Die neue Stadtregierung denkt sogar ernsthaft daran, die alljährlichen Autorennen auf der Avus zwischen Wohn- und Erholungsgebieten nicht mehr zuzulassen – und auch Motorbootrennen auf den Havelseen zu verbieten.

ADAC-Vorsitzender Wegener aber meinte beim vermutlich letzten Autorennen am vergangenen Wochenende, sein Verein habe einen "Anspruch darauf, daß Avus-Rennen stattfinden", und der Landessportbund-Vorsitzende von Richthofen proklamierte einen "Schulterschluß aller Sportarten".

Die offizielle Begründung für Tempo 100 sind die Unfallzahlen: 108 Unfälle mit 53 Verletzten im letzten Jahr. Auch Lärmschutz, ein bißchen weniger Abgase und rot-grüner Autofrust haben die Enscheidung mitgetragen. Gegen das Tempolimit spricht, daß es in Berlin nun keine Strecke mehr gibt, auf der Werkstätten, Gebrauchtwagenkäufer, Urlaubsreisende und Fahrschüler das Verhalten von Autos bei hohen Geschwindigkeiten testen können. Selbst die BMW AG, die ihre Motorräder in Berlin baut, möchte eine Sondergenehmigung für Testfahrten haben, weil anderenfalls tausend Arbeitsplätze in Gefahr seien. Diese Argumente will der Verkehrssenat nun prüfen, was er auch vorher schon hätte tun können.