Von Marianne Quoirin

Die Agenten alten Schlages sterben aus. Um einen Meisterspion wie Kim Philby kurz vor seinem Tode noch zu interviewen, reiste Graham Greene 1987 mit seinen 83 Jahren noch nach Moskau. Wen anders hätte Greene, der seine Erfahrungen als britischer Geheimdienst-Offizier in literarischen Glanzstücken („Der menschliche Faktor“, „Unser Mann in Havanna“, „Der dritte Mann“) verarbeitet hat, auch sonst befragen können? Den drögen Stasi-Funktionär Guillaume, den Verfassungsschutz-Maulwurf Tiedge? Oder Bangemanns in Moskau unter Einsamkeit leidende frühere Sekretärin Sonja Lüneburg?

Philby, einst Chef der sowjetischen Abteilung des britischen MI 6 und gleichzeitig Moskaus beste Quelle, war schon vor seiner Flucht 1963 zu einer Legende geworden als ein Mann, der die englische Klassengesellschaft aus vollem Herzen haßte und von einem kommunistischen Sozialismus träumte. Ein Verräter seines Ranges wirkt im Zeitalter des High-Tech-Spying wie ein Relikt der Vergangenheit, altmodisch wie die Masche amourös geschulter „Romeos“, die seit dreißig Jahren in der Bundeshauptstadt Bonn auf Beute aus sind. Doch diese Masche funktioniert noch immer. Allem Single-Selbstbewußtsein zum Trotz gilt eine unverheiratete Sekretärin, wenn sie in einem Bonner Ministerium an der Quelle sitzt oder sich dorthin dirigieren läßt, unter Agenten immer noch als lohnendes Ziel.

„Verteidigung ist immer gut“, sagte der Offizier des sowjetischen KGB mit dem Decknamen Gerhard Thieme zu seiner Freundin Elke Falk, als sie sich 1973 – auch auf seinen Rat hin – bei einem Ministerium bewerben wollte. Statt auf die Hardthöhe kam sie erstmal ins Bundeskanzleramt, machte dann ein Jahrzehnt lang Karriere Karriere als Vorzimmerdame im Kanzleramt, im Verkehrsministerium, im Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und – synchron – als KGB-Agentin. Am 11. Mai dieses Jahres wurde sie vom 4. Strafsenat des Düsseldorfer Oberlandesgerichts zu sechseinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit.

Der Fall Falk zeigt wie kaum ein anderer, warum die vertrauten Anmache-Techniken ihre Wirkung wohl nie verlieren. Man nehme: ein bißchen Liebe, ein bißchen Abenteuer und ein gehöriges Maß ausgetüftelter psychologischer Führung, die vor allem Geborgenheit verheißt. Auf diesem Nährboden gedeihen derart starke Gefühle, daß Erpressung und Nötigung gar nicht mehr wahrgenommen werden.

Mit der Präzision eines Akupunkteur setzt der Romeo seine Nadeln ins Fleisch, weckt Gefühle und nutzt sie schamlos aus. Auf Geheiß ihres Freundes Thieme brachte Elke Falk zum ersten gemeinsamen Urlaub Verlobungsringe mit, obwohl er – wie er ihr gebeichtet hatte – noch verheiratet war. Er gaukelte ihr den Wunsch nach einem gemeinsamen Kind vor: dies sei die einzige Möglichkeit, ihn heiraten zu können. Für sie sah das aus wie ein aus Liebe unternommener Erpressungsversuch gegenüber dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS), für das Thieme angeblich arbeitete. Es war der Beginn eines Alptraums. Als Elke Falk im November 1974 schwanger nach Ost-Berlin reiste, wurde sie von zwei KGB-Offizieren so sehr unter Druck gesetzt, daß sie am Ende „selbst keine Möglichkeit mehr sah als die Abtreibung“. Dabei glaubte Elke Falk, auch Thieme sei das Opfer eines Komplotts – was sie noch enger an ihn gebunden haben muß, denn erst nach diesem vermeintlich gemeinsam erlittenen Drama konnte Thieme sie zur Spionage gewinnen.

„Mein Führungsoffizier kannte mich binnen kurzer Zeit besser als ich mich selbst“, so hat Dagmar Kahlig-Scheffler, Spionin im Bundeskanzleramt, die Taktik beschrieben, mit der ein Agent des MfS ihre Seelenlage ausgelotet hatte. Stets ist der MfS Regisseur und Dramaturg auch für KGB-Anbahnungen. Offenbar weiß man dort genau, was Frauen zwischen dreißig und vierzig wünschen. Ungalant charakterisiert Friedrich-Wilhelm Schlomann in seinem Buch „Operationsbasis Bundesrepublik“ die Opfer: „Die erste Jugendblüte ist vorüber, und mit einem Durchschnittsalter von 38 Jahren befanden sich die bisher aufgedeckten ‚Spionage-Sekretärinnen‘ im sogenannten gefährlichen Alter.“