Von Dieter Buhl

Wir haben einen ausgeprägten Widerwillen gegen alles, was uns mit Europas Politik in Kontakt bringt."

Thomas Jefferson (1743-1826) Ähnliche Berührungsangst wie der dritte Präsident der Vereinigten Staaten haben schon dessen Vorgänger wie Nachfolger immer wieder empfunden. Die Alte Welt schreckt das Weiße Haus bis heute mit Meinungschaos und Interessenwirrwarr, mit Besserwisserei und Betulichkeit, mit Zynismus und Zank. Sie stellte die Geduld der Führung des dynamischen Landes jenseits des Atlantiks stets auf harte Proben. Auch George Bush kann sich dem politischen Puzzle namens Europa nicht entziehen. Doch wenn er die europäische Verwirrung in diesen Tagen unmittelbar erlebt, hat er zur Herablassung keinen Anlaß. Ganz im Sinne des transatlantischen bürden sharing tragen auch die Westeuropäer ihre Last an Irritationen – über Washington.

George Bush erschien auf Europas Bühne als ein Präsident mit butterweichem Profil. Anders als die meisten seiner Amtskollegen, ob Dwight D. Eisenhower oder John F. Kennedy, ob Lyndon Johnson oder Ronald Reagan, denen fest geprägte Sympathien oder Aversionen galten, schwankt das Bild des 41. US-Präsidenten in europäischen Augen. Weniger noch als die Amerikaner (die ihm trotz aller Ungewißheit hohe Popularitätswerte bescheren) ahnen die Europäer, wie sie den Chef im Weißen Haus einordnen sollen. Seine kurze Amtszeit von vier Monaten reicht als Erklärung für die Schwierigkeiten bei der Urteilsfindung nicht aus; viele andere Präsidenten haben gerade in der Startzeit an ihrer Ikone gemalt. Letztlich fußt die anhaltende Ambivalenz gegenüber Bush auf seiner Persönlichkeit und seinem Stil.

Widersprüchliche Einschätzungen haben den 64jährigen Politiker während seiner ganzen langen Karriere begleitet. Selbst für Amerikas scharfäugigste Auguren bleibt Bush ein Rätsel. Ist er ein Weichling und Zauderer? Verbirgt er Machtwillen und Zielstrebigkeit nur hinter verbindlichen Manieren? Ist er ein Mann des Ausgleichs oder ein Mann ohne Schatten? Die Unsicherheit über Bush gipfelt in der vernichtenden Frage, die ihn schon im Wahlkampf traf und die er auch nach vielen Reden und einigen Taten als Präsident nicht eindeutig beantwortet hat: Weiß George Bush, was er will? Es gibt kein Mandat, das Auskunft über seine politischen Absichten geben könnte, denn Bush besitzt keines. Er wurde Präsident als Reagans Erbe, als der persönlich attraktivere von zwei Kandidaten und als Verfechter eines Laisser-faire, das an Desinteresse und mangelndes Engagement grenzte. Weil er keine klar umrissenen Ziele verfolgt, folgen ihm auch keine festgeschlossenen Wählergruppen. Weder im rechten noch im linken Spektrum Amerikas kann Bush auf eine eingeschworene Gefolgschaft bauen. Immer zu Kompromissen bereit, offenbar von Zweifeln angekränkelt, auf jeden Fall (wie seine Laufbahn beweist) von Vorsicht besessen, erinnert Bush stärker an lavierende Staatsmänner europäischer Provenienz als an jene Tatmenschen, die das Weiße Haus so oft zur Kommandozentrale der Weltpolitik gemacht haben.

Allen, die im Zentrum der Supermacht Führung und Entscheidungsfreude verlangen, ist dieser Präsident bisher eine Enttäuschung geblieben. Selbst jene, die nach Reagans Holzschnittpolitik einen differenzierteren Umgang mit der Welt erwarteten, wurden ungeduldig. Seine eigene Prognose, er werde sich wahrscheinlich noch als ein Durchsetzer wie Präsident Theodore Roosevelt – sanft im Ton, hart in der Sache – entpuppen, hat bisher niemanden überzeugt. Bushs Hauptproblem hat die New York Times in eine Anekdote gemünzt: Wohin würde ein Marsmensch geführt, der heute auf der Erde landete und verlangte: "Bringt mich zu Eurem Führer?" Er würde im Kreml bei Gorbatschow landen.

Zumindest dem späten Ronald Reagan hätte niemand den Ton einer solchen Zurücksetzung angetan, denn, bei allem Widerwillen gegenüber Details und Feinheiten der Politik, beherrschte er die Gesetze des weltpolitischen Schaugeschäftes. Nun aber steht dem sowjetischen Ausnahmepolitiker ein Präsident im grauen Flanell gegenüber, ein Konkurrent ohne bezwingende Ausstrahlung und ohne erkennbare Richtschnur seines Handelns. Wie ein Fuchs vor unerreichbaren Trauben klingt jener George Bush, der sich mit Michail Gorbatschow keinen Popularitätswettbewerb liefern möchte. Er wäre jedoch kein Amerikaner, wenn er sich ohne Groll die Show stehlen ließe – und wenn ihn die drüben diagnostizierte Gorbi-Manie in Westeuropa nicht auf die Palme triebe.