Es war eine seltsame Premiere: Vier livrierte Herren mit Dreispitz, die aussahen, als seien sie einer Operette in der Volksoper entsprungen, schleppten eine Prunksänfte rund um den Stephansdom in Wien. Doch die erste Aufführung dieser neuen Touristenattraktion war zugleich die letzte, denn die städtische, Bürokratie befahl den Sänften-Stopp. Vorerst zumindest.

Dabei konnte der Postbeamte Hubert Weißnegger auf eine 300jährige Sänften-Tradition in Österreich verweisen, als er seine Idee verwirklichte, die beiden Pferdestärken (PS) der berühmten Fiaker durch zwei Menschenstärken (MS) zu ersetzen, um die Gäste aus aller Welt durch Wien zu tragen. Für 50 000 Mark, den Preis von vier Kleinwagen, ließ Hubert Weißnegger zwei historische Sänften nachbauen.

Seinen Service für träge Touristen stellt sich der pfiffige Postler so vor: Ein paar Minuten wohliges Schaukeln in der Sänfte rund um den Stephansdom sollen fünfzehn Mark kosten. Wer es vornehm wünscht und etwas diskret, der kann sich in einer geschlossenen Prachtsänfte tragen lassen. Auch mag manchen Gast die Plackerei der beiden Träger derart beschämen, daß er es vorzieht, den Vorhang vorzuziehen. Allerdings sieht er dann recht wenig von Wien.

Die Prachtsänfte ist mit neunzig Kilo Eigengewicht ziemlich schwer, das Tempo entsprechend langsam. Wer es flotter liebt und es den Trägern nicht allzu schwer machen will, setzt sich am besten in das sportliche Cabriolet, einen 25 Kilo leichten und offenen Tragesessel. Fünf starke Männer hat Hubert Weißnegger bereits für seinen „1. Wiener Sänftendienst“ angeheuert, einen Nigerianer, zwei Libanesen und zwei Wiener. „Es war überhaupt kein Problem, die Träger zu finden. Sie sind flink und kräftig und haben alle eine ausgezeichnete Kondition“, erklärt der Besitzer Weißnegger nicht ohne Stolz. Und er hat ein Herz für seine Träger: Wer in der Sänfte thronen will, aber mehr als achtzig Kilo wiegt, muß eine Gewichtszulage zahlen.

Selbstverständlich können sich die Touristen auch über längere Strecken „besänftigen“ lassen: Eine Stunde Schaukeln durch die Wiener Innenstadt oder den Ring entlang kostet hundert Mark. Allerdings gibt es dann alle zehn Minuten – das ist in der „Sänftenordnung“ festgelegt – eine fünfminütige Rast, damit die beiden MS etwas verschnaufen können.

Der Jungfernlauf der Sänftenträger auf dem Stephansplatz verlief jedoch nicht ganz nach Plan, da am selben Tag dem erstaunten Hubert Weißnegger vom Magistrat ein Standplatz am Stephansdom verwehrt wurde. Nicht etwa mit dem Argument, das Sänftenwesen sei moderne Sklaverei und widerspreche humanen Arbeitsbedingungen. Die Bürokratie befand, daß die historischen Tragmobile nicht ins historische Stadtbild paßten.

Außerdem sei die Frage ungeklärt, ob die Sänften auf dem Bürgersteig oder auf der Straße zu tragen seien. Da sie keine Räder haben, fielen sie nicht unter die Straßenverkehrsordnung und hätten deshalb nichts auf der Gasse zu suchen. Auf den Gehwegen wiederum könnten die leisen und umweltfreundlichen Sänften die Bürger behindern.