Eklat im Berliner Abgeordnetenhaus. Die Parlamentsvizepräsidentin Hilde Schramm von der Alternativen Liste will eine Formel nicht sprechen, mit der seit 1955 jede Sitzung eröffnet wird und die 1962, nach dem Mauerbau, mit einem Zusatz versehen wurde: „Ich bekunde unseren unbeugsamen Willen, daß die Mauer fallen und Deutschland mit seiner Hauptstadt Berlin in Frieden und Freiheit wieder vereinigt werden muß.“ Frau Schramm denkt anders; ihr klingt das zu sehr nach Kaltem Krieg.

Enorme Aufregung, die Opposition verläßt den Saal, die Sitzung wird vertagt, es wird wieder große Politik gemacht in Berlin. Die CDU spürt Grundfesten wanken, die AL kann als Regierungspartei endlich wieder Opposition spielen, die SPD fühlt sich von beidem eher peinlich berührt.

Zweifellos hat der bisher geübte Ritus seine Vorteile: Man sagt etwas für die Wiedervereinigung, ohne mit ihr rechnen zu müssen. Die klischeehafte Kritik an vermeintlicher Kalter-Kriegs-Rhetorik führt freilich auch nicht sehr viel weiter. Provokationen ersetzen Politik so wenig wie hergebetete Sprüche. Veraltete Denkschablonen werden dem rapiden Wandel im Ost-West-Verhältnis eben immer weniger gerecht – und der wird, wenn es denn ein wirklicher Wandel werden sollte, am Ende auch so dazu führen, daß die Berliner Mauer fällt. J. N.