Von Georg Peinemann

In irgendeinem Buch habe ich einmal gelesen, der Fuchs sei zwar ein tüchtiger Mäusefresser, er verschmähe aber, aus unbekannten Gründen, den Maulwurf. Mein Fuchs, den ich über einige Wochen fast täglich auf dem Ödlandstreifen zwischen Grenzbach und DDR-Grenzzaun beobachtet habe, ist ohne Zweifel ein ausgesprochener Maulwurf-Esser.

Mag ja sein, daß er in Revieren mit schwachem Maulwurfbestand mit Vorliebe mäuselt, aber hier sind die Wiesen schwarz gesprenkelt von Maulwurfshügeln. Auf einer Fläche von zehn mal zehn Metern zählte ich 34 Auswürfe, locker aufgeschichtet, zwanzig bis dreißig Zentimeter im Durchmesser, hin und wieder auch große Maulwurfsburgen, über einen Meter lang und fast zwanzig Zentimeter hoch. Wenn die Gänge der Wühler wie bei einem Mini-Erdbeben vibrieren und dann plötzlich wie von Geisterhand lockeres, herausquellendes Erdreich an die Oberfläche gedrückt wird, erlebt mein Fuchs Sekunden höchster Erregung; sie signalisieren Beute und Fraß. Er duckt sich nicht, wie bei der Mäusejagd, zum Sprung, sondern richtet sich, alle Muskeln und Sinne angespannt, zu voller Größe auf. Ohren und Seher sind auf den Tatort konzentriert, die buschige Rute ist waagerecht abgestreckt. Dann fährt er mit den Krallen der Vorderläufe in das weiche Erdreich, pflügt auch, wenn es sein muß, mit der Schnauze nach und fördert den samtenen Maulwurf mit Schwung ans Licht.

Ich hüte mich bei meinen Tierbeobachtungen im allgemeinen vor Vermenschlichungen, aber meinen Grenzfuchs betrachte ich doch als einen Freund. Weder Kugel noch Schrot erreichen ihn, solange er schlau zwischen Zaun und Grenzbach bleibt. Die Schäferhunde der Zöllner hat er nicht zu fürchten. Die Zöllner lassen ihre Vierbeiner nicht über den Grenzgraben springen.

Früh morgens, wenn der Nebel noch über den Wiesen wabert, wagt der Fuchs sich bis zum grenznahen See vor. Dann schleicht er sich tief geduckt an und fährt wie ein roter Blitz in den Pulk der am Ufer weidenden Bläßhühner, die sich in einer breiten, wogenden Welle ins Wasser stürzen – flatternd, trippelnd und keifend. Für einen Moment verschwindet der Fuchs beinahe in einer Wolke von dunklen Federn. Aber er frißt nicht am See, sondern läuft mit seiner noch flügelschlagenden Beute im Fang so schnell er kann zur schützenden Grenze. Nur einige Federn zeugen am See von seinen Beutezug.

Manchmal ist er übermütig. Dann schleicht er sich an den Reiher an, der wie ein grauer Pfahl am Grabenrand steht und scheucht ihn in einem schnellen Scheinangriff auf. Der schreit dem Störenfried heisere Verwünschungen zu.

Vom Reiherscheuchen wird der Fuchs nicht satt. Wenn Mäuse und Maulwürfe bei Frost in der Erde bleiben, dann lauert er im Schilf des Baches auch einmal dem langschwänzigen Bisam auf. Ein besonderer Leckerbissen für ihn sind angetriebene tote Fische, die er meist mit Erfolg den krächzenden Krähen streitig macht.