Schleswig-Holstein weltumschlungen

Von Franz Froschmaier

KIEL. – Noch immer werde ich gefragt, ob es nicht schwierig war, von einer westeuropäischen Hauptstadt wie Brüssel nach Kiel umzuziehen. Gemeint ist wohl: Wie lebt es sich in der Provinz? Und ich muß gestehen, daß ich die Frage noch immer nicht ganz verstehe, darum sage ich: nein, es war nicht schwierig, und es lebt sich gut – und so meine ich das auch.

Natürlich vermissen wir unsere Freunde in Brüssel. Sich von Zeit zu Zeit gegenseitig zu besuchen oder an dritten Orten zu treffen ersetzt nicht den vielfältigen, gelassenen Umgang, der sich aus den kulturellen, gesellschaftlichen, auch kulinarischen Darbietungen einer Großstadt ergibt. Aber da sind nun neue Freunde und Bekannte in Schleswig-Holstein verstreut, in Hamburg, darunter etliche, die mit dem "Dienst" wenig zu tun haben, viel jedoch mit der Eigenart des Landes, dem ich nun verpflichtet bin.

Daß dieses Land in seiner vielfältigen Gliederung mit seinen großen, bewegten Himmeln sehr schön ist, gehört zu den Binsenwahrheiten. Aber die räumliche Streuung des Freundes- und Bekanntenkreises macht den Kontakt schwieriger. Die Reise nach Ratzeburg oder Wewelsfleth oder Flensburg oder Lübeck braucht Zeit – davon hat man nie genug! – und Vorbereitung. Mit den vergnüglichen spontanen Gelegenheiten städtischen Lebens kann man eigentlich nur in Hamburg rechnen, und daher gehört Hamburg notwendig zu unserem Leben in Kiel, als eine zwar viel zu selten genutzte, aber notwendige städtische Chance für Vielfalt, persönliche Begegnung und Überraschungen.

Bisher also zeigt die Überlegung zwar unterschiedliche landschaftliche, örtliche Gegebenheiten – aber macht das schon "Provinz" aus, die ja zu allererst in den Köpfen zu finden sein muß? Nun, der alte Glauben, alles geschehe in der Hauptstadt – ob es Paris war (wo der Begriff erfunden sein könnte) oder die Residenzstadt des Duedezfürsten –, ist heute zu revidieren. Provinz ist überall. Provinz ist nirgends. Nirgends? Die modernen Kommunikationsmittel, auf die wir so stolz sind, ergeben eben keine Kommunikation, allenfalls Business, denn Kommunikation ist eine Formel: Worüber wird man denn mitteilsam – und verbindlich? Also ist die Frage nach Inhalten zu stellen – und da gibt es allerorts vielerlei Provinz.

Annährungsweise: Provinz ist, wo alles im Hergebrachten abläuft, Ungewohntem mit Berührungsangst begegnet wird, wo nichts sich bewegen will und daher kein Austausch nötig wird.

Mein Paradigma von Nichtprovinz war vor zwanzig Jahren Washington. Was Washington für die westliche Welt, das wurde zunehmend in den letzten zwanzig Jahren Brüssel für Westeuropa, bewegt durch die weiß Gott nicht banale Idee der europäischen Einigung, Nato inklusive.

Schleswig-Holstein weltumschlungen

Und wo bleibt da Kiel? Zunächst ist da der Reiz der neuen Erfahrungen – sehr im Detail, sehr nahe den Menschen, ihren Bedürfnissen, ihren Emotionen und Erwartungen. Vorbei die Verhandlungen, Gespräche, Überlegungen in der dritten Abstraktion der Brüsseler Institutionen, die Politik nur nach Machtfaktoren gefiltert einbeziehen, ohne ständige Rückkoppelung zu den Parteien, zur vielberufenen "Basis". Hier geht’s um eine Ortsumgehung in X oder Umweltprobleme für eine Betriebserweiterung in Y, Förderprogramme für den Mittelstand oder Beschäftigung an Werftstandorten. Die betroffenen Menschen kennt man aus Versammlungen, Kammer- oder Verbandsgesprächen, aus Einzeldiskussionen. Anonymität wird nicht mehr gewährt. Was immer geschieht, nun ist’s meine Verantwortung. Da kann auch mal etwas schiefgehen. Aber wer nicht ein wenig ernsten Spaß am Spiel haben kann, sollte sich nicht in der Politik versuchen.

Auffallend ist allerdings, wie wenig in der politischen und administrativen Umgebung hier die Dimension der europäischen Gemeinschaft in vielen Bereichen – Handelsbeziehungen, Deutschlandpolitik, Wettbewerbs- und Beihilfefragen, Verkehr, Regionalpolitik und so weiter – wahrgenommen wird. Diese entscheidende Grundlage der deutschen Nachkriegsgeschichte ist offenbar in der Bundesrepublik überhaupt nur ganz wenigen in Politik und .Wissenschaft wirklich vertraut. Dabei ist der deutsche Norden ein zunehmend spannender Teil der Entwicklung der Europäischen Gemeinschaft, etwa im Verhältnis zu den nordischen EFTA-Ländern oder zu den RGW-Anrainern der Ostsee, handfest in Auswirkungen und Möglichkeiten. Also auch: Schleswig-Holstein ist eine europäische Erfahrung.

Vor allem aber geschieht hier ein breit und gelassen angelegter Versuch, Politik neu und menschennah zu begreifen und zu betreiben. Hier geschieht Bewegung, Öffnung, Austausch, und das ist das Gegenteil von Provinz. Der Versuch ist faszinierend. Ich lebe gern in Kiel.

  • Franz Froschmaier war fast zwanzig Jahre lang in der EG-Kommission in Brüssel tätig. Seit dem 31. Mai 1988 ist er schleswig-holsteinischer Wirtschaftsminister in Kiel.