Von Viviane Loeb und Jochen R. Klicker

Wer zu den wirklich feinen Leuten in Barcelona gehören will, muß einen zweiten Wohnsitz haben – für die langen Wochenenden im Winter und für die berüchtigten hundert Sommertage, an denen sich der stinkende Smog mit stickiger Schwüle mischt. Einige hundert betuchter Barças, wie sich die Bewohner Barcelonas nennen, fahren dann in ihren teuren Limousinen nach Cadaques, wo der Exzentriker Dalí lebte. Die wirklich reichen und daher sparsamen hauptstädtischen Katalanen jedoch kaufen ein Eisenbahnbillett zweiter Klasse, lassen sich durch die Tunnels der Garraf-Berge mit ihren hinreißenden Durchblicken auf die Costa Daurada fahren und steigen nach 36 Kilometern an der blendend weißen Estaciö de Sitges aus.

12 000 Einheimische zählt Sitges, einer der ältesten Urlaubsorte Spaniens. Aber im Fin-de-siècle-Palais der Gemeindeverwaltung rechnet man die rund 6000 Bargas, die hier ihren Zweitwohnsitz haben, immer gleich mit.Von Anfang Juli bis Mitte September beherbergt Sitges zudem 50 000 Gäste, verteilt auf 4500 Hotel- und 22 000 Appartementbetten und, kaum der Rede wert, 1300 Campingstellplätze.

Wer hier wirklich etwas zählen will, muß allerdings zu den Paradiesvögeln gehören und sich das auch etwas kosten lassen. Hier treffen sich Intellektuelle, Schriftsteller und Künstler; hier bummeln elegant oder auch nur einfallsreich gekleidete beautiful people; hier legen Geldleute mit ihren Yachten an; hier machen Tausende von Gays aus der ganzen Welt in zahllosen Clubs die Nacht zum Tage. Rucksacktouristen hingegen flüchten meist nach kurzer Zeit – und nach Prüfung der Preise – in die drückende Hitze von Barcelona oder in die preiswerten Touristenslums an der Costa Brava. Això es vida – so ist das Leben, verabschiedet sie das offizielle Werbeplakat von Sitges im Mirö-Look mit ironischer Unverschämtheit.

Wer dagegen kommt, um zu bleiben, sollte sich wenigstens ein bißchen für Kunst und Kultur interessieren. Denn Strand (in Sitges vier gut gepflegte, nicht überfüllte Kilometer), Sonne (über 300 Tage jährlich) und Meer (immer noch sauber und türkisklar) gibt es andernorts auch. Bei der Gala des kubanischen Nationalballetts im Park des privaten Kulturvereins Retiro jedoch treffen wir den internationalen Flamenco-Jet-set, der alljährlich im August den Kurs für „Spanischen Tanz“ besucht.

In der Pause zwischen „Schwanensee“ und „Bluthochzeit“ beklagt sich ein 75jähriger belgischer Pensionär, daß er seiner tanzbesessenen Frau von einem Flamenco-Kurs zum anderen hinterherreisen müsse. Die paar – zugegeben, sehr romantischen – Straßen von Sitges müsse er doch nicht gerade im heißen August durchwandern. Erst als wir ihm empfehlen, doch mal ins Hinterland zu fahren – zur ältesten Taufkapelle der Iberischen Halbinsel in Olerdola oder zur Champagner-Probe in das hinreißende Jugendstilgebäude der Kellerei von San Sadurni oder wenigstens ins Spielcasino von San Père de Ribes – scheint er etwas getröstet und verfolgt weniger griesgrämig die Lorca-Choreographie von Antonio Gades.

Überhaupt, Flamenco! Am besten tanzen die schwulen Stammgäste im „Capri“ oder im „Reflejos“ ihre Sevillanas. Einmal im Jahr, zum Karneval, tun sich die internationale Gay-Gemeinde und die kulturbeflissenen Alteingesessenen aus den Vereinen Retiro und Prado zusammen. Dann sind die kostbaren und phantasievollen Travestie-Roben vielbeklatschter Höhepunkt der allabendlichen Umzüge. Den Rest des Jahres bleiben die Schwulen in ihrem Paradies eher unter sich. Alle kennen sich. Viele leben treu mit ihrem Partner. Und Touristen, die hier nur „das eine“ suchen, werden ebenso mit Vorsicht betrachtet wie die wenigen hübschen Strichjungen, die im Sommer einfallen. Schließlich soll die Szene ja aidsfrei bleiben.