Widerstand in letzter Minute: Agenten im Schatten der Diktaturen

Von Alexander Slavinas

Nach dem Einmarsch der Roten Armee in Litauen im Juni 1940 wurde unser Autor Chef der Abteilung für die Spionage-Abwehr (Deutschland) in Litauen

Plötzlich, wie ein Vorbote ernster Ereignisse, reist für einige Tage der Militärattache der deutschen Botschaft in Moskau, Generalmajor Ernst Köstring, durch Litauen. Das ist mein alter Bekannter. Im Jahre 1936 waren wir im Zuge von Warschau nach Moskau im Abteil erster Klasse die beiden einzigen Fahrgäste. Ich reiste mit Post der Kommunistischen Partei, General Köstring beförderte offensichtlich auch irgend etwas in der Aktentasche. Meine Post war in einem Koffer aus englischem Leder mit doppeltem Boden, seine bestand aus gewissen Weisungen doppelten Inhalts. Wir tranken Kognak, und der General erzählte mir von Moskauer Theatern. Aber er interessierte sich sichtlich mehr für seinen zwanzigjährigen Weggenossen.

Auf dem Weißrussischen Bahnhof in Moskau wurden wir gleichzeitig erwartet. Und obwohl ich einige Minuten später aus dem Zuge stieg als der General, fragte mich derjenige, der mich abholte: „Nun, wie ist der deutsche Kognak?“ Worauf ich erwiderte: „Es war französischer Kognak.“ Aber der Frager hatte das Lachen schon verlernt. Moskau lebte damals an der Schwelle zum Jahre 1937. Jene, die General Köstring abholten, stellten ihm keine Fragen. Ihnen war alles klar.

Hier in Litauen wird General Köstring jetzt, im Jahre 1940, von einer ganzen Gruppe Zivilisten begleitet, Mitarbeitern des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten. Sie beobachten ihn ständig. Ich bin damit beauftragt, alles zu analysieren. Zu meiner Überraschung stellt sich heraus, daß sich Köstring – neben Auto-Spazierfahrten mit Oberst Just, der bis vor kurzem noch deutscher Militärattache in Kaunas war – oft mit dem deutschen Kaufmann Edgar Klaus trifft.

Köstring und Klaus sind offensichtlich gut miteinander bekannt, denn sie verbringen am Ufer des Neman zirka drei Stunden, wobei sie Spazierengehen und die Ufer des Flusses genau betrachten, obwohl sich in der Nähe keinerlei militärische Objekte befinden und diese Örtlichkeit militärisch uninteressant ist. Mir scheint, daß sich Köstring und Klaus über Themen unterhalten haben, die auf keinen Fall der sowjetischen Spionageabwehr bekannt werden sollten.