Hamburg

Die alte Dame nimmt seit Jahren abends zum Einschlafen eine Tablette. „Das Mittel tut Ihnen gut“, hatte ihr der Arzt gesagt, als sie nach dem Tod ihres Mannes nachts nicht mehr schlafen konnte. Seither verschrieb er ihr regelmäßig verschiedene Schlaftabletten, doch in letzter Zeit hat sie sich öfters gefragt, ob sie nicht vielleicht abhängig geworden ist. Sollte ihre Fahrigkeit tagsüber, die morgendlichen Schwindelanfälle und ihr nachlassendes Gedächtnis nicht nur mit dem Altern, sondern auch mit den Tabletten zu tun haben?

Die alte Dame ist eine von mehreren hundert Frauen, die in den vergangenen anderthalb Jahren bei der Hamburger Informationsstelle „Frauen – Alltag – Medikamente“ angerufen haben. Sie alle sichten dort Rat, wie sie von einer Tablettenabhängigkeit loskommen könnten. Die Institution ist einmalig in der Bundesrepublik, denn für Medikamentensüchtige fehlen ansonsten eigene Beratungsstellen.

Bei Fachleuten hat das Projekt, dem eine Selbsthilfegruppe für medikamentenabhängige Frauen zugeordnet ist, viel Anklang gefunden. Jedoch: Weil nun kein Geld mehr da ist, muß die Beratungsstelle wahrscheinlich nach knapp zwei Jahren wieder geschlossen werden.

Die bisherige Finanzierung über das Arbeitsbeschaffungsprogramm der Bundesanstalt für Arbeit ist bereits ausgelaufen, die Mittel des Trägervereins für Sozialwissenschaften und Gesundheit reichen allein nicht aus, ebensowenig wie bisherige Spenden von Krankenkassen und der Firma Beieisdorf. Die Stadt ist knapp bei Kasse. Schließlich gäbe es ja schon Beratungsstellen für Süchtige.

Dabei scheint Hilfe bitter notwendig. Wer weiß schon, daß die Zahl der Tablettenabhängigen mit 600 000 bis 800 000 die der Rauschgiftsüchtigen um ein Zehnfaches übertrifft? Nur die Zahl der Alkoholiker liegt mit schätzungsweise 1,8 Millionen höher. Während zur Flasche mit Vorliebe Männer greifen, sind zwei Drittel der Medikamentenabhängigen Frauen.

Es sind Hausfrauen, Angestellte, Rentnerinnen – sie alle glauben, ohne Schmerz- oder Aufputschmittel, ohne Schlaftabletten und Beruhigungspillen nicht mehr leben zu können. Wenn sie nicht zufällig an einen auf Sucht spezialisierten Arzt geraten, schlucken sie oft über viele Jahre täglich ihre Portion. Die häufige Folge sind bleibende organische Schäden, bis zu Monaten dauernde, teils qualvolle Entzüge und ein langer Weg zurück in ein normales Leben.