Kanada

Von Herbert Bopp

Auf dem Rupert River hat die kanadische Winter genau sieben Monate und 23 Tage gedauert. Jetzt endlich driften die meterdicken Schollen auseinander. Am Südufer des mächtigen Flusses, der in die James Bay mündet, steht ein Hubschrauber startbereit. Das blauschwarze Haar der Männer, die unter den laufenden Rotoren geduckt auf die Kabine zueilen, wird von farbigen Stirnbändern zusammengehalten. Die Männer sind Indianer vom Stamme der Cree: Sie wollen schnell ans andere Ufer, dahin, wo ihre Jagdgründe liegen.

Die Gänsejagd an der James Bay, rund 1200 Kilometer nördlich von Montreal, findet in diesem Frühling zum erstenmal ohne Michel Gilles statt. Der Cree-Indianer hat, wie er glaubt, Wichtigeres zu tun, als Wildgänsen nachzujagen. Er jagt dem Geld hinterher. "Ich will reich werden", sagt er, "unglaublich reich." Dabei reibt er Daumen und Zeigefinger gegeneinander. So viel Geld will Michel scheffeln, daß es in der Sprache der Cree-Indianer schon gar keine Zahl mehr dafür gibt. Tausend Dollar? Hunderttausend? Eine Million? "Morel" sagt er, "the sky is the limit!"

Michel Gilles hatte sich vor zwei Jahren seinen ersten Track gekauft. Ein häßliches, blaues Monster mit einem zusammengeflickten Kastenaufbau. Obwohl er der einzige in der Familie ist, der mit einem Lastwagen umgehen kann, hat Michel gleich noch einen gekauft. Und noch einen. Jetzt stehen drei Tracks vor dem Holzhaus, das Michel in Waskaganish bewohnt. Abwechselnd tuckert er mit einem seiner Laster die staubige Meile zum Flughafen hinauf und wieder zurück ins Dorf. Zum Waskaganish Airport befördert der selbsternannte Fuhrunternehmer Fracht, die das Indianerreservat verläßt. Oder aber er holt Güter vom Flughafen ab, die aus dem Süden kommen; mit jedem Tag werden es mehr.

Anfangs war es mal eine Polstergarnitur, mal ein neuer Motorschlitten. Heute sind es Computer aus Kalifornien, Mikrowellenherde "Made in Hongkong" oder Satellitenantennen aus Toronto. Die Antennenschüsseln sind so hoch wie die tipis, die Zelte, in denen die älteren Indianerfrauen noch heute ihre Wildenten über dem offenen Feuer braten, während die jungen im angrenzenden Fertighaus die Fischstäbchen mit der Mikrowelle auftauen.

In dem Indianerreservat Waskaganish, wo noch bis vor zwanzig Jahren unvorstellbare Armut und subpolare Trostlosigkeit herrschten, hat der Run aufs große Geld eingesetzt. Leute wie Michel Gilles vollziehen derzeit die bizarre Wandlung vom Jäger zum Yuppie.