Irgendwann bekommt man von diesem vollkommen überflüssigen Buch genug und blättert nach hinten, um bei der Lektüre des Anhangs entsetzt festzustellen, daß man der Postmoderne auf den Leim gegangen ist. Man hat ein Buch gelesen (oder dies versucht), das nicht, wie auf der Titelseite angegeben, von Anita Albus stammt, sondern von folgenden Autoren: Jean-Henri Fabre, Wolfgang Wickler, W. Jackson Davis und Eckehard Liske (Entomologie); Laszlo Glozer, Werner Hofmann und diversen „Neuen Wilden und ihren Interpreten“ (Kunstkritik); Bernulf Kanitschneider, George Gamov, Spektrum der Wissenschaft (Kosmologie); Walter Benjamin, Sören Kierkegaard, Marcel Proust (Philosophie); zudem spielt eine Fabel von Äsop oder Hans Blumenberg (die Autorschaft bleibt infolge einer zweideutigen Genetivkonstruktion unsicher) eine zentrale Rolle.

Den Leser ärgert nun zwar noch die unbefangene Zuordnung Prousts zur Philosophie, aber im Grund seiner Seele ist er zutiefst verunsichert, was seinen in langen Jahren herangezüchteten Geschmack und sein Urteilsvermögen anlangt. Von einigen offensichtlichen Kunstkritik- und Schmetterlingskunde-Sätzen abgesehen, war ihm in dem Text nichts aufgefallen, was wie Zitat oder Anspielung geklungen hätte. Es schien nichts weiter zu sein als ein kaum erträgliches Dahingeplauder, ein in jedem Satz neu, doch vergeblich hochgestemmter Bedeutungsreichtum, zudem in der fragilen Form des Briefromans, die in einer Zeit endgültig obsolet geworden ist, wo die Hölle, die die andren sind, uns längst mit Hilfe des Telephons bereitet wird.

Der Leser geht also in sich und fragt sich: Habe ich derartige Sätze bei Proust gelesen und war dort von der Höhe der Kunstfertigkeit und Reflexion berauscht oder eingeschüchtert?, und hier tönt das nun so: „Bei meinem ersten Besuch fand ich sie noch lebhaft, die spitzen Züge schimmernd weich, die ganze Gestalt von der Geschmeidigkeit einer Eidechse.“ (Der Ehrgeiz der Autorin – einmal angenommen, sie existiert – geht dahin, in jedem Satz mindestens eine Wendung unterzubringen, worin ein Tier sich aufhält.)

Oder: „In meinem Zustand fiel es mir leicht, ein an Ohnmacht grenzendes Erstaunen vorzuspielen. Was für eine unglaubliche Koinzidenz, daß ich nach ebendiesem Buch gegriffen, welch objektiver Zufall, daß es in meiner Bibliothek stand, und man bedenke die Rarität der Ausgabe!“

Oder: „Andere Geschichten handelten von Pferden und zeugten von der gleichen Noblesse.“

Einzelne – und nicht mit besondrer Boshaftigkeit herausgegriffene – Zitate vermögen kaum den niederschmetternden Eindruck wiederzugeben, den das Buch als Ganzes erweckt. Und der nicht in erster Linie davon herrührt, daß hier eine Autorin einen mißlungenen Roman vorlegt. Das Entsetzen rührt eher von dem literarischen Gesamtklima her, als dessen ehrlicher Ausdruck „Farfallone“ gelesen werden muß.

Wenn man nach einigen der letzten literarischen Großereignisse vermuten oder befürchten mußte, am Ende des 19. Jahrhunderts angelangt zu sein, so führt einen dieses Buch in weit tiefere Abgründe der Zeit, in eine Art idealisches Spätes Biedermeier, wo vornehme Menschen die Romanwelt bevölkern, die in Landschlössern leben und gerne ausreiten und ihre Leidenschaften sorgfältig inszenieren können, weil die Frage des Lebensunterhaltes außer Betracht bleibt, nur daß die Leidenschaft in „Farfallone“ etwa die Intensität eines der ausgetrockneten Schmetterlinge hat, die im Buch leitmotivisch gemeint herumliegen.