Von Reiner Klingholz

In seinem Artikel "Zeichen des Zeitgeistes" schreibt Hans Schuh, die Wissenschaft neige zunehmend zur Katastrophenmalerei. Umweltprobleme hätten einen hohen Stellenwert erlangt, und die Forscher wüßten das zu nutzen. Es habe sich herumgesprochen, daß für Probleme wie Aids, Waldsterben, Ozonloch, Klimakatastrophe oder Algenpest besonders leicht Forschungsmittel zu bewegen seien.

Meiner Meinung nach ist es unzulässig, die Warnungen der Wissenschaftler in all diesen Bereichen, die Ängste und Visionen als Panikmache zu kritisieren. Das verharmlost die Probleme und erschwert eine Lösung.

Der Autor geht aus von dem Fall der Wissenschaftler Stanley Pons und Martin Fleischmann, die im März behauptet hatten, ihnen sei im Reagenzglas mit einem Geniestreich und geradezu banalen Mitteln die kalte Kernfusion gelungen. Doch der Fusions-Spuk ist das denkbar schlechteste Beispiel für die behauptete Lobbyisten-Wissenschaft: Gerade weil die beiden Forscher einen weltweiten Pressewirbel veranstalteten, war der Trug binnen weniger Wochen entlarvt. Den Klimatologen wirft Hans Schuh vor, daß sie als "Klimapropheten", vor allem bei der Umweltorganisation Greenpeace und als Max-Planck-Direktoren, "munter auf der alternativen Welle mitreiten" – auf der Suche nach "Sympathien und Millionensummen". Doch gerade hier besteht Anlaß, die Aussagen der Experten ernst zu nehmen.

Industrie und Landwirtschaft, also letztlich wir alle, produzieren ein Übermaß an Abgasen, die sich in der Atmosphäre anreichern und verhindern, daß überschüssige Wärme ins All entweichen kann. Dieses Phänomen wird "zusätzlicher Treibhauseffekt" genannt – im Gegensatz zu dem "natürlichen Treibhauseffekt" der Atmosphäre, der ein Leben auf Erden überhaupt erst möglich macht. Die Konzentration aller bekannten, "anthropogenen", also vom Menschen gemachten Treibhausgase steigt derzeit dramatisch an – und sie wird vermutlich weiterhin steigen. Es beruht auf Naturgesetzen, daß sich als Folge der Atmosphärenverschmutzung die erdnahen Luftschichten zusätzlich aufheizen werden. Die Forscher folgern aus diesem Faktum: Das Klima wird sich weltweit, aber regional verschieden ändern; der Meeresspiegel steigen; Küstenregionen werden überflutet; es droht ein Heer von Umweltflüchtlingen.

Hans Schuh hält derartig "präzise Szenarien" für grotesk, weil es den Meteorologen noch nicht einmal gelänge, das Wetter für länger als zehn Tage vernünftig vorauszusagen. Doch zwischen Wetter und Klima besteht ein Unterschied. Der Wetterbericht muß beispielsweise den genauen Ort und Zeitpunkt einer Kaltfront vorhersagen können. Für die Klimaprognose ist nur die mittlere Anzahl dieser Fronten während eines längeren Zeitraumes von Bedeutung. Da die zeitliche Genauigkeit keine Rolle spielt und weil großräumige Klimaveränderungen auf vergleichsweise einfachen, physikalischen Grundprinzipien beruhen, gibt es zumindest an folgenden Prognosen nichts zu deuten:

Erstens Bei einer globalen Erwärmung steigen die Temperaturen in den höheren Breitengraden stärker als im tropischen Bereich. Das liegt daran, daß die Hitze am Äquator heute schon fast ihr theoretisches Maximum erreicht hat. Ein verstärkter Treibhauseffekt läßt dort mehr Wasser verdampfen und die Niederschläge anwachsen. Das führt zur Bodenerosion (vor allem, wenn dort gleichzeitig der Regenwald abgeholzt wird) und zu häufigeren Überschwemmungen. In höheren Breiten können die Temperaturen relativ stärker ansteigen, weil der Ausgangswert viel tiefer liegt. Insgesamt sinkt also der Temperaturkontrast zwischen Äquator und hohen Breiten.